Die legendäre Gastfreundschaft

Am Abend sollte man kochen – auch wenn man selbst eigentlich gar nicht mag. Es könnte ja sein, dass unangekündigt Gäste vor der Tür stehen, und die sollen auf keinen Fall darben. Gäste sind heilig, niemandem kann die Tür gewiesen werden, der die Gastfreundschaft sucht …

Was jedoch tun, wenn man trotz lächelnd ausgebreiteter Arme eigentlich doch lieber alleine wäre?

Tradition und Aberglaube würden nichts taugen, wenn sie nicht auch dafür Mittel hätten. Wenn man selbst längst gähnt, während die Gäste erst richtig auf Touren kommen, streut man ihnen heimlich Salz unter die Sohlen ihrer draußengelassenen Schuhe, sofortiger Aufbruch garantiert: „Ich habe es bei einer Freundin ausprobiert, als ich noch ganz klein war … sie blieb, und blieb, und blieb, von morgens bis zum späten Abend … dann habe ich mich rausgeschlichen und Salz gestreut, und dann ist sie auch gleich gegangen!“

Die gleiche Expertin weiß auch Rat, wenn man die lieben Besucher gar nicht wiedersehen will. Dazu bedürfe es eines schwarzen Topfs, den man drehe … wie genau, in welche Richtung, seiner Rundung folgend oder doch eher über den Deckel, das mag sie nicht verraten. Alle stimmen ein: Davon hätten sie nur gehört, also, gemacht, nein, nein, nie.

Die Enttäuschung darüber, nicht in die Details eingeweiht zu werden, spiegelt sich wohl auf meinem Gesicht, denn dann erfahre ich, dass es auch Methoden gibt, präventiv tätig zu werden. Wenn man in seinem grünen Tee nicht nur Teeblätter sondern auch ein Stängelchen fände, hieße das, man bekomme Besuch, und an der Länge des Zweigs könne man abschätzen, welche Größe der Gast haben werde. Will man ihn sehen, dann legt man das Objekt an einen erhöhten Platz in der Wohnung. Ansonsten: Rasch das Stängelchen rausgefischt und zerkaut, fertig, aus.

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2 Antworten to “Die legendäre Gastfreundschaft”

  1. Fährfrau Says:

    Ha! Nun verstehe ich endlich auch, warum man gleich zum Einzug Salz schenkt – in weiser Vorausschau wegen der lästigen Gäste. Hat also doch nix mit dem Wohlstandswunsch zu tun!
    Wieder etwas dazugelernt. 😉
    Erkläre mich zu Stammleser Nr. 2 nach Jens-Martin.
    Liebe Grüße
    Nadja

  2. andromeda8 Says:

    Tja, und ich werde hinfort genau hinschauen, wie es unter meinen Schuhen aussieht 🙂

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