Das Tier am Feierabend

In der Vorbereitung auf meine Tätigkeit hier erfuhr ich nebenbei, dass ich einen Hund geerbt hatte. Es handelte sich um einen Minensuchhund, der durch die Prüfung gefallen war, aber mit aller Kraft versuchte, sein Talent im Garten zu beweisen. Tagein, tagaus spürte er im Garten imaginären Minen nach, verwandelte Beete in Schlachtfelder und ruinierte in einem stillen Krieg mit dem Gärtner dessen Nerven.

Zwar war ich hervorragend ausgerüstet: mit Hundekuchen zur Bestechung ebenso wie mit einem ultimativen Leuchthalsband mit verschiedenen Blinkoptionen, um den Hund auch bei Stromausfall wiederzufinden. Allerdings hätten sich die Kollegen nicht gegrämt, wenn dieses Tier von der dunklen Nacht verschluckt worden wäre. Als also wenig später ein Partner der Organisation fragte, ob wir ihm nicht einen solchen Hund vermitteln könnten, schoben wir verstohlen die Grassoden über die frischgegrabenen Löcher und versicherten ihm, einen solche fände er nirgends und baten ihn, diesen als Geschenk anzunehmen. Seithher tobt der Hund auf einem dreimal so großen Gelände; wahrscheinlich vermisst er die Gemüserabatten, aber sowohl er als auch sein neuer Besitzer sind sehr glücklich. 

In der ausländischen Hundebesitzer-Gemeinschaft werden wir seither schief angesehen, und auch die Katzenbesitzer finden uns herzlos. In Kabul zu sein ist augenscheinlich mit der ethischen Notwendigkeit gekoppelt, sich eines bedürftigen Tiers anzunehmen.

Zum Glück ist gerade noch rechtzeitig Hilfe eingetroffen: Wie vom Himmel gefallen saß vor einigen Tagen ein wiiiiiinziger Gecko auf dem Kaminsims. Streicholzkurz und streichholzdünn schaute er uns aus schwarzen Perlaugen an. Er war augenscheinlich frisch geschlüpft und wusste nicht, ob er uns als Bedrohung oder als Beute einschätzen sollte.

Bei jedem anderen Tier hätte ich eingeräumt, dass man bei meiner Größe vielleicht ins Schwanken gerät. Hier allerdings muss man realistisch betrachtet sagen, so kleine Fliegen gibt es überhaupt nicht, dass er sie fressen könnte.

Außerdem war er viel zu langsam um fliegende Tiere zu erreichen. Höchst zufrieden stellte ich seine Bedürftigkeit fest, an der ich meine Tierliebe beweisen konnte, und klebte ihm eine Ameise direkt vor die Nase. Sie muss scheußlich geschmeckt haben, aber jetzt trippelt der Gecko immer sehr eilig zwischen seinen Verstecken hinter dem Foto und der Kerze hin und her. Wahrscheinlich will er weiteren Wohltaten entrinnen.

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2 Antworten to “Das Tier am Feierabend”

  1. b-blocker Says:

    Ein „Leuchthalsband mit verschiedenen Blinkoptionen“? Wie cool ist das denn?! 😉
    Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob der Hund zu dumm oder zu schlau war, durch diese Prüfung zu fallen….

    • andromeda8 Says:

      Tja, das ultimativ coole Leuchthalsband … vielen Dank noch mal dafür! Da wir noch überlegen, ob wir uns ein Schaf anschaffen, könnte es doch noch zum Einsatz kommen!

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