Einkaufen mit Aschenputtel

Was festliche Garderobe betrifft, gibt es in Afghanistan verschiedene Trends. Afghanische Männer bevorzugen, sich in glänzende, taillierte Anzüge in abenteuerlichen Farben zu werfen, mit spitzen Kragen, die knapp über dem Gürtel enden. Frauen sind dem ein Jahrzehnt voraus und schwören auf Abendmode der 80er in anderen abenteuerlichen Farben.

Mit einem Beraterteam breche ich auf, mich für eine persische Hochzeit einzukleiden. Ich hatte mir Mut zur Farbe vorgenommen, aber der verlässt mich wieder, als ich pink (mit Ketten!), und kanariengelb mit riesigen schwarzen Punkten erblicke. So finde ich mich in einem schwarzen Kleid mit Strassausschnitt wieder,  bodenlang, aber so tief dekolletiert und rückenfrei, dass ich mir auch in Berlin damit recht nackt vorkäme.

Die Grazien sind hingerissen. Ich drehe und wende mich vor dem Spiegel und werfe ein, man habe mir zu etwas Hochgeschlossenem geraten. Sie lächeln wissend. Es werde bestimmt getrennt gefeiert, Frauen und Männer jeweils unter sich, und dann könne man gar nicht wenig genug anhaben. Dafür sei das Kleid mit seinen breiten Trägern vielleicht sogar noch zu bieder.

Obwohl sie ihre Wahl schon getroffen haben, bringen sie mich bereitwillig noch zu einem Schneider, der Abendkleider nach Wunsch und Maß anfertigt. Er hat einige wunderschöne, sehr raffinierte und dezente Kleider, sogar preiswerter als das Schwarze. Einziger Haken: Er würde es nicht rechtzeitig fertigbekommen. Erleichtert seufzen die Grazien auf. „Zum Glück! Er hat versucht, dir ein Modell schmackhaft zu machen, das man hier vor zwei, drei Jahren getragen hat!“ raunt die eine im Rausgehen.

cimg4133Mit einer gewissen Zufriedenheit merke ich an, dass ich zu dem Kleid ja problemlos schwarze Schuhe tragen könnte. Daran besteht bei mir kein Mangel. „Mit Straß!“ schallt mir das afghanische Korrektiv entgegen, sonst passten sie ja gar nicht zum Kleid. Ebenso könnte man dazu unter keinen Umständen ein einfaches schwarzes Kopftuch tragen, einmal glitzernd, immer glitzernd, sonst sähe es am Ende noch so aus, als wolle ich damit ins Büro. Ein Moment betretener Stille kehrt ein, denn mein Kleidungsstil unterscheidet sich auch tagsüber signifikant von den schillernden, farbenprächtigen Gewändern meiner Mitarbeiterinnen, dagegen wirke ich wie Aschenputtel. Versöhnlich wirft die eine ein, silberne Schuhe würden zur Not auch gehen. „Aber du kommst doch auch in goldenen Schuhen ins Büro,“ necke ich, „dann sind silberne Schuhe doch auch Alltagskleidung …“ Schon wieder habe ich offensichtlich ein Fettnäpfchen erwischt, denn die beiden, ebenso wie das Personal im Schuhladen, starren mich wortlos an.

Zwischen goldenen und silbernen Schuhen muss wohl ein himmelweiter Unterschied bestehen, aber den zu ergründen werde ich eines anderen Tages versuchen.

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2 Antworten to “Einkaufen mit Aschenputtel”

  1. Fährfrau Says:

    Aschenputtel hin oder her und trotz entsprechender Fahndungserfolge ( http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,620143,00.html ) möchte ich vorsorglich unbedingt daran erinnern, dass Zehenamputation bei diesen Schuhen weder schick noch schicklich wäre!

    • andromeda8 Says:

      Zum Glück habe ich es nicht „Einkaufen mit Aschenputtels SCHWESTERN genannt, denn Aschenputtels Füße blieben heil, oder? Andererseits wäre es für den Prinzen natürlich viel einfacher gewesen, wenn Aschenputtel nicht nur ein paar Zehen sondern auch ihren Ausweis zurückgelassen hätte 😉

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