Rock im Iran

Langsam erholen sich meine Zehen von der Hochzeit. Die eleganten Schuhe waren eher auf eine Sitzparty ausgelegt, aber dann hatten die Frauen den großen Saal mit Bühne, während die Männer sich mit dem Hinterzimmer einer anderen Etage begnügen mussten. Während wir ausgelassen tanzten, erfuhren wir über eine traurige Durchsage des DJs, die Männer in seinem Saal würden sich kein bisschen rühren.

Schließlich ließ die gute Stimmung bei uns den Druck auf den einsamen Moralwächter zwischen den Stockwerken zu groß werden, und für die gemeinsame weitere Party nehme ich ein paar Blasen gerne in Kauf. 

Der afghanische Chic kam auch im Iran gut an, und wie schon von meinen Kolleginnen prophezeiht, hatte ich keinesfalls das tiefste Dekolleté, und gemeinsam mit älteren Damen in traditionellen Gewändern und Kopftuch konnte ich nur über einige wenig mehr als gürtelbreite Röcke staunen.  

Auch tagsüber treffen wir auf unerwartet lose Sitten – wenig ist geblieben von Bärtigkeit über kragenlosen Hemden, stattdessen sehen wir glattrasierte Herren im Krawattenfieber beim Kauf von Stretchhemden. Innerhalb einer Woche werden wir nur eines einzigen Mullahs ansichtig (selbst dass nur aus dem Augenwinkel), und auch der Gebetsruf scheint aus der Mode gekommen.

Drei mit Pu-der-Bärs "Ferkel" als Handy-Etui

Drei mit Pu-der-Bärs "Ferkel" als Handy-Etui

Während in vielen arabischen Städten zu den entsprechenden Zeiten eine Kakophonie konkurrierender Rufe ertönt, die wie es scheint gar nicht laut genug sein können, braucht man zumindest in den von uns besuchten iranischen Städten ein Radio, um den Muezzin zu hören. Der Lärm, so erzählt uns ein iranischer Freund, habe die Leute gestört, und daher verzichte man seit einigen Jahren auf die Lautsprecherübertragung.

Bei allen Sehenswürdigkeiten sind wir rasch von hinreißenden, selbstbewussten, neugierigen Schülerinnen verschiedenen Alters umringt. Selbst die Erstklässlerinnen haben modische Täschchen mit den neuesten Mobiltelefonen darin um den Hals, und während einige uns Löcher in den Bauch fragen, tauschen andere schon die schönsten Ausländerbilder per Bluetooth aus.

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Eine Antwort to “Rock im Iran”

  1. Fährfrau Says:

    Kleiner Nachtrag zur Frage, wie man Sittenstrenge und Moderne wohl unter einen Hut, nicht aber unter eine Kopfbedeckung bringt, heute morgen in Moabit erspäht: Man nehme eines dieser Kopftücher mit dem „aufgetürmten“ Hinterkopf darunter – und verberge es einfach unter der Hip-Hopper-Sweatshirt-Kapuze. 😉

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