Kabul, real und surreal

Seit 1971 hat es nicht mehr so viel geregnet wie in diesem Jahr. Das tut der Stadt gut, alles ist grün. Im Vorbeifahren sehe ich, wie ein Mann seine Hühner auf das Flachdach seines Hauses setzt. Wie viele der hiesigen Gebäude ist es mit Lehmstroh gedeckt, und jetzt wachsen auch dort Gras und wilde Blumen. Die sollen die Hühner wohl abweiden.  

CIMG4742Wir sind auf dem Weg zu einem Ausflug an den Qarga-Stausee am Stadtrand Kabuls. Mitten zwischen Gebäuden und kleinen Läden taucht plötzlich eine Art Zeltlager auf. Verschiedenfarbige Plastikplanen und Stoffstücke sind zu Behelfsunterkünften auf gespannt. Hier haben Flüchtlinge aus den unruhigen südlichen Provinzen, Helmand, Nimruz oder Kandahar, Unterschlupf gefunden. Wie sie es in diesen nassen Monaten aushalten, vermag ich mir nicht vorzustellen, und schon gar nicht, wie sie den Winter überstanden haben. 

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Kabuls Golfplatz, im Vordergrund hinter den roten Büschen das kleine Fähnchen

Wenige Kilometer weiter sind linkerhand Gebäude, rechts Wiesen. Alles hier sei in den Kämpfen Anfang der 90er zerstört, die Gebäude erst nach 2002 wieder errichtet worden, erklären mir meine Mitfahrer. Auf den Wiesen sind an jeden Stein und jeden Baum weiße Häkchen gesprüht, ein Zeichen der Minenräumer. Weiß bedeutet, alles sei in Ordnung, wenn ich hingegen rote Markierungen sähe, solle ich mich fernhalten. Gleich darauf erspähe ich jedoch noch ganz andere Signale in der zerklüfteten Landschaft: kleine grüne Fähnchen mit Zahlen darauf. Direkt drumherum hat man den Boden geebnet, dazwischen wuchert hohes Gras und liegen Steine. Was das sei, frage ich. Die drei Grazien kichern erfreut: Der Golfplatz, natürlich! 

Ich bin aus dem Staunen noch nicht ganz raus, da erblicke ich auf der anderen Seite den blauschimmernden Stausee, im Hintergrund sieht man noch schneebedeckte Berggipfel. Am Wochenende, so höre ich, ist dies ein beliebtes Ausflugsziel. Man kann Ferienhäuser am Ufer des Sees mieten, Boot fahren und im Sommer schwimmen. Jetzt, an einem Wochentag, sind wir fast die einzigen Gäste, und die kleinen Tretboote in Form von Schwänen werden nur von einigen Fischern genutzt, die ihre Netze aufspannen. 

Die zwei von der Fangstelle

Die zwei von der Fangstelle

Mein Team freut sich, mal etwas anderes zu sehen. Auch, wenn ihre Bewegungsfreiheit nicht ganz so eingeschränkt wie meine ist, verbringen sie die Wochenenden eher zu Hause. Für einige ist es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie diesen See sehen. Die Männer setzen sich ein wenig abseits. Als ich näher komme, sind sie zunächst verschämt, denn sie spielen gerade Karten. Das wird als ein unislamischer Zeitvertreib weiterhin schief angesehen, ist aber den zahlreichen Spielkarten nach zu urteilen, die man überall auf der Straße und in der Landschaft liegen sieht, durchaus üblich. Ich dringe darauf, dass sie mir ein Spiel beibringen, was die Situation sogleich entspannt. Der beste Spieler setzt sich als Berater hinter mich und gibt mir Tips, was ich als nächstes legen soll. Im Gegenzug bringe ich ihnen Mau Mau bei.

Die anderen zeigen sich beeindruckt von den Baufortschritten auf dem Gelände: Der Garten wird gerade neu angelegt, die Häuser renoviert. Ein neuer Swimmingpool mit Blick auf den See entsteht.

Die Burka als Sitzkissen

Die Burka als Sitzkissen

Augenscheinlich rechnet man mit mehr Tourismus. Alle sind gehobener Stimmung, nur die Köchin schaut sich immer wieder misstrauisch um. Die Kolleginnen übersetzen mir, sie sei das erste Mal ohne Burka unterwegs und fürchte, dass jemand aus der Familie ihres Mannes sie erwischen könnte. Erst, als wir ganz oben, ganz alleine auf einem Hügel sind und den eigens mitgebrachten Tee trinken, fühlt sie sich sicher.

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3 Antworten to “Kabul, real und surreal”

  1. smartfortwo Says:

    Was für eine fantastische Idee, einen Betriebsausflug zu machen!
    Er hat offenbar der beiderseitigen Fortbildung gedient und allen Beteiligten neue Eindrücke vermittelt.
    Marvellous! Go on doing nice things!!!

    • andromeda8 Says:

      Ja, das hat allen sehr gut getan. Ich hoffe, wir haben die Chance zu weiteren Ausflügen und Erkundungstouren.

  2. smartfortwo Says:

    I cross my fingers!

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