Familienbande

Während wir im Auto auf eine Kollegin warten, zieht der Fahrer aus den Tiefen seines Umhangs einen Umschlag und reicht ihn mir. Darin seien die Unterlagen eines Freundes, der nach Deutschland wolle, ob ich ihnen helfen könnte. Sie hätten zwar alle Papiere zusammen, könnten aber das Formular der Botschaft nicht ausfüllen, weil keiner von beiden des Lesens und Schreibens mächtig sei. 

Am Nachmittag finde ich Fahrer, Freund und Finanzmanager bereits in die Papiere vertieft. Sie tackern gerade zu dritt und mit gerunzelten Stirnen irgendetwas zusammen. Einer von ihnen dreht sich um und schwenkt voll Stolz das mittlerweile illuster aussehende Dokument: Man solle die Namen seiner Kinder angeben und deren Ausweiskopien und Fotos dazuheften, und obwohl der Platz nur für drei oder vier vorgesehen gewesen wäre, hätten sie es geschafft, acht daraufzuquetschen … nur was mache er mit den letzten beiden, die passten beim besten Willen nicht mehr. In der Tat, drei links, drei rechts, und oben und unten je ein Foto … Ich sage, man würde es ihm bestimmt nicht übelnehmen, wenn er noch ein Extrablatt anfüge. 

Zufrieden betrachten sie ihr Werk, und während ich einen letzten Blick darüber werfe, lehnt sich der Fahrer voller Genugtuung zurück, zehn Kinder sei ja schon ganz gut, aber an ihn reiche das nicht heran, er habe nämlich vierzehn. Leider sei der jüngste gerade im Krankenhaus. Ich schaue betroffen, aber der Fahrer lacht schon wieder: Als er und seine Frau den Jungen ins Krankenhaus gebracht hätten, hätten sie beide unterschiedliche Namen angegeben. Der Arzt habe gesagt, er habe den Namen nicht richtig verstanden, und das Rezept schließlich ohne ausgefüllt.

Meine Mitarbeiterin rollt mit den Augen und zischt, ich solle den Fahrer mal fragen, wie viele seiner Kinder Söhne und wie viele Töchter seien, das wisse er garantiert nicht. Nach einigem Zählen und Rechnen kommt der Fahrer zu dem Schluss, es müssten neun Söhne und fünf Töchter sein. Natürlich hätte seine Frau bei dem Namen recht gehabt, es verliere da leicht den Überblick, welcher Sohn welcher sei.

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Eine Antwort to “Familienbande”

  1. RevolutionaryGirl Says:

    Hmm….komisch, als ich ihn gefragt habe, meinte er 17, er scheint wirklich den Überblick verloren zu haben 🙂

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