Die Stadtguerilla am Gaspedal

Wenn ich das Logo einer afghanischen Widerstandsorganisation gestalten sollte, würde ich weder Schwerter noch Schusswaffen wählen. Stattdessen würde ich grimmige Männer mit Wollhüten am Lenkrand abbilden, vielleicht noch Gaspedal und Bremse darunter.

In wenig drückt sich afghanische Unbeirrbarkeit so entschieden aus, wie im festen Willen eines jeden Autofahrers, seinen Weg koste es was es wolle zu verfolgen. Auch wenn die Straßen Kabuls frei sind, muss man Kreuzungen fürchten, denn schon wenn aus jeder Richtung nur ein Auto kommt, kann einen das stundenlang aufhalten. Jeder Fahrer ist überzeugt, Vorfahrt zu haben, und fährt mit der größten Selbstverständlichkeit in die Kreuzung ein, bis alle vier Stoßstange an Tür stehen. Aufgerollte Krempen von Wollhüten werden tiefer in die Stirn gezogen, Kinne nach vorne gereckt und Bärte sträuben sich, bevor das Ritual in Hupen und Fäusteschütteln mündet. An besonderen Tagen wird das Spektakel durch einen hilflosen Verkehrspolizisten in der Mitte gekrönt.

Hinter den Kontrahenten stauen sich weitere Autos, und da meist noch nicht mal mehr einen Fußgängerbreit Platz ist, verkeilen sich auch die Passanten und fangen ihrerseits an, zu rufen und die Fäuste zu schütteln. Die müssen lediglich etwas umsichtiger sein, weil es meistens einem der hinteren Autofahrer zu bunt wird und er sich an den ersten Autofahrern vorbei über den rudimentären Gehweg quetscht, egal, wie viele dort gerade stehen.

Die ersten Wochen war ich mir noch nicht einmal sicher, ob in Afghanistan Rechts- oder Linksverkehr herrscht. Erst, als wir eines Tages konsequent auf der linken Straßenseite gegen einen entgegenkommenden dreispurigen Strom von Autos ansteuerten, habe ich den Fahrer gefragt. Er zuckte die Schultern und sagte, Rechtsverkehr, natürlich. Ich wandte zaghaft ein, vielleicht sollten wir wenigstens versuchen, auf die richtige Seite zu kommen. Als Kompromiss fuhr er eine Spur weiter rechts, und ich machte bis ans Ziel die Augen zu.

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2 Antworten to “Die Stadtguerilla am Gaspedal”

  1. smartfortwo Says:

    Warum regst Du Dich auf? Ist doch nichts passiert, wie Deine mail zeigt!
    Ich war bisher der Meinung, schlimmer als Damaskus zur „rush-hour“ im Polo könne nichts sein. Ich ändere sie bereitwillig, Du hast mich eines Besseren belehrt.

    • andromeda8 Says:

      Ich rege mich ja gar nicht auf … und schlimmer als Damaskus im Polo ist es nicht, aber die Autofahrer scheinen insgesamt störrischer.

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