Was reparieren wir heute?

Kaum ein Satz geht mir auf Dari flüssiger über die Lippen als „Was reparieren wir heute?“ Das frage ich immer, wenn ich abends nach Hause komme, und unser großer Wächter Dienst hat. Er hat mich zu seinem Reparaturkompagnon auserkoren, und irgendwas liegt immer im Argen. Als ich heute zur Gartentür hereinkomme, erlischt gerade das Licht, während die Nachbargrundstücke erleuchtet bleiben. Das bedeutet, dass Elektriker-Tag ist, der jedes Mal für vier Dollar das Kabel auf der Straße flickt, und dessen Dienste wir eigentlich auf regelmäßiger Basis abonnieren könnten. 

Das soll es jedoch noch nicht gewesen sein. Der Wächter hat weitergehende Pläne. Unvorsichtiger Weise haben wir den Klempner bezahlt, bevor der letzte Handstreich bei der Reparatur unserer Wasserpumpe getan war – und so wie es aussieht, haben wir ihm auch noch zu viel bezahlt. Seither ist er verschwunden (dem Zustand des Kabuler Wassers geschuldet widerstrebt es mir zu sagen „untergetaucht“), und ausgerechnet der Pumpschwengel fehlt noch. 

Bild023Der Wächter stellt einen Teller mit gesalzener Wassermelone zwischen uns und deutet auf das Sammelsurium der Teile, das von der alten Wasserpumpe geblieben ist. „Sollen wir sie damit heil machen?“ Diese Reparaturansinnen sind immer ein Abenteuer.  Meist gehen sie mit akrobatischen Leistungen und Blutverlust seitens des Wächters einher, der Ausgang ist  ungewiss. Es lässt mich sehnsuchtsvoll an meine in Berlin zurückgelasse Ausstattung denken, denn beliebtestes und oft einziges Werkzeug in Afghanistan ist ein Hammer. Wir haben uns schon gesteigert und verfügen auch über eine Feile und eine Säge. Beide sehen allerdings aus, als hätten wir das Nationalmuseum geplündert. Richtiger Luxus ist, eine Bohrmaschine zu besitzen, wobei ich hier noch keine mit einem Stecker gesehen habe. Ob der Vielzahl miteinander nicht kompatibler Steckdosensysteme bevorzugt man, zwei blanke Drähte in die Steckdose zu stecken. 

Ich folge Aziz‘ Anweisungen, ziehe hier, drücke dort … beim Reparieren gilt ähnlich wie auf der Straße, dass jeder auf sich selbst aufzupassen hat, so dass es erhebliche Konzentration kostet, meine Daumen von seinen Hammerschlägen fernzuhalten. Wir müssen noch einige weitere Meter Rohr in den Brunnen hinunterlassen und kleben oben ein Stück an. Leider scheint es in den Tiefen in Konflikt mit einem anderen Rohr zu geraten, so dass wir die Hälfte wieder absägen müssen. Nach einigem Raspeln, Feilen, Biegen und Knicken haben wir es endlich geschafft. Aziz hat sich die Hand aufgeschürft und ich bin mit Rost- und Staubflecken getüpfelt – aber wir haben nasse Füße! 

So stehen wir unter Kabuls Sternenhimmel und betrachten im Schein der Klemmlampe im Maulbeerbaum die Pumpe, die aussieht wie ein modernes Kunstwerk.

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