Meine geheimsten Fähigkeiten

„Laden Sie mich ein, damit ich Sie von meinen geheimsten Fähigkeiten überzeugen kann,“ steht auf dem Schreiben, und es handelt sich nicht etwa um Werbung für eine afghanische 0190-Nummer, sondern ist eine ernstgemeinte Bewerbung auf eine Verwaltungsstelle. Ein anderer wirbt, er könne uns uns nicht nur als Teilzeit-Finanzassistent, sondern auch als Direktor, Manager, Programmmanager, Übersetzer, bei Filmschnitt- und Bearbeitung und was sonst noch gebraucht würde gute Dienste leisten.

Es gibt in Kabul eine Reihe gutbezahlter Stellen in Hilfs- und Aufbauorganisationen, aber nicht genügend qualifizierte Bewerber. Für letztere besteht daher eine große Auswahl an Positionen und wenig Notwendigkeit, sich genau anzuschauen, worum sie sich eigentlich bewerben.

Wir laden einen Herrn ein, dessen Lebenslauf gar nicht schlecht aussieht. Im Verlauf des Gesprächs korrigiert er uns mehrfach, was seinen Namen betrifft. Schließlich stellt sich raus, dass er für seinen Bruder gekommen ist. Sie seien gerade beide auf Suche und hätten nur eine Telefonnummer angegeben. Wer den Anruf entgegennehme, gehe dann zum Gespräch.

„Gar nicht so unüblich,“ meint eine Bekannte und erzählt, wie sie bei den Bewerbungsgesprächen für ein Bauprojekt eine ganze Schlange von Architektinnen gesehen habe. Das sei doch sonderbar gewesen, weil sie abgesehen davon noch nie einen weiblichen Architekten in Afghanistan getroffen habe. Bei dieser Organisation sei jedoch bekannt geworden, dass Gleichberechtigung großgeschrieben werde und Frauen in diesem männerdominierten Land mithin die besseren Chancen hätten. Deswegen hätten sich bei dieser Stelle statt der eigentlichen Bewerber die Schwestern, Ehefrauen und Töchter der eigentlichen Architekten vorgestellt.

Wir rufen einen weiteren Kandidaten an. Von vornherein versichern wir uns, dass er er und nicht sein Vater, Bruder oder Sohn ist. Er hat einen Vollzeitjob und studiert am Feierabend. „Wie schaffen Sie das zeitlich?“ frage ich mit Blick auf die Stelle bei uns. „Zur Uni gehe ich ja erst ab 5.“ – „Ja, aber davor arbeiten Sie doch den ganzen Tag bei der anderen Firma.“ – „Ja.“

Mein Finanzmanager mischt sich ein: „Deutlicher gefragt: Haben Sie die Absicht, Ihren Vollzeitjob aufzugeben, um einen Teilzeitjob bei uns anzunehmen?“ Der Bewerber sieht uns verständnislos an:  „Nein.“

In aller Seelenruhe nimmt er noch ein Bonbon, trinkt den Tee aus und geht.

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2 Antworten to “Meine geheimsten Fähigkeiten”

  1. Fährfrau Says:

    Den hätte ich sofort eingestellt! Wer zugleich eine Vollzeit-, einen Teilzeitjob und ein Studium erledigen kann, der bewerkstelligt auch die Aufträge, die mit Frist „gestern“ eingehen!

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