Gräben graben

Mindestens ebenso gerne wie die Leute hier Mauern bauen, scheinen sie zu graben. Ebenfalls ähnlich bei beiden Baumaßnahmen ist, dass auf jede Person die arbeitet, beliebig viele kommen, die dabei zuschauen.  Auch ein kulturübergreifendes Phänomen zwischen Deutschland und Afghanistan kann man auf hiesigen Baustellen beobachten: Die Zahl derjenigen, die gerade auf ihr Baugerät gestützt Pause machen, steigt rapide, wenn eine Frau durchs Bild läuft; einzig das mit dem Pfeifen hat sich hier noch nicht eingebürgert.

Graben zweier Gräben, Zuschauer sind derweil mit der Rückansicht der Fotografin befasst.

Graben eines Grabens neben dem Graben, Zuschauer sind derweil mit der Rückansicht der Fotografin beschäftigt.

Vielleicht hat jemand dem Präsidenten gesagt, sein Wahlkampf erfordere mehr Tiefgang. Jedenfalls herrscht seit kurzem in unserem Viertel ein reger Tiefbauboom. Nach einem undurchschaubaren System werden Gräben ausgehoben, üblicherweise dort, wo in anderen Ländern der Rinnstein wäre. Gibt es dort jedoch bereits einen Graben, muss der Fußweg dran glauben, und nicht selten droht dabei der eigentliche Graben verschüttet zu werden.

Wir hatten zum afghanischen Neujahrsfest, an dem jeder etwas pflanzen sollte, als gutes Beispiel Bäume in die Baumkästen vor unserem Büro gesetzt. Zwei davon hatten ohnehin schon dem jähen Begehren unseres hochrangigen Nachbars weichen müssen, ausgerechnet dort sein Auto hinzustellen. Einer war geklaut worden und ein weiterer abgebrochen.

Ich sehe gerade noch rechtzeitig, dass sich auch unserem Grundstück eine Grabenschneise nähert, und ordne rasch an, dass das verbleibende Bäumchen gerettet wird.

Dabei bemerke ich, dass auch der riesige Maulbeerbaum unserer Nachbarn ins Visier genommen wird, einer der wenigen und gleichzeitig so nötigen Schattenspender. Ich frage die darunter herumlungernden Sicherheitsleute, die den ganzen Tag über nichts zu tun haben, ob man allen Ernstes den Baum opfern wolle. Sie schauen sich um. Einer spuckt bedächtig auf den Boden. „Macht doch nur Dreck, der Baum, den ganzen Sommer über fallen hier die Maulbeeren runter.“ Ich bin erstaunt, denn ich weiss nicht, wo sie alle sitzen wollen, wenn der Baum weg ist.

Sollte er seinen Hintern jemals von diesem Stuhl lüpfen, werde ich in großer Versuchung sein, einige saftige, dunkle Maulbeeren dort zu plazieren, bevor er sich in seiner Phantasieuniform wieder darauf niederlässt.

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2 Antworten to “Gräben graben”

  1. Fähfrau Says:

    Warum sollten die Bauarbeiter denn auch noch pfeifen, wenn sie doch sowieso schon baggern? 😉
    Ich hoffe, nach erfolgreicher Plazierung der Maulbeere auf dem Stuhl beschäftigt sich die Fotografin dann fotografisch mit der Rückansicht des Sicherheitsmannes und lässt uns dann hier daran teilhaben. :-)))
    Hätte Nicole seinerzeit in den 80ern nicht den Grand Prix de l’Eurovision sondern in einem afghanischen Wettbewerb mit „Ein bisschen Frieden“ gewonnen, so hätte der Refrain vermutlich gelautet „Grab nicht zu tief, mein kleiner Freund …“.

  2. Martin Schröter Says:

    sehr schön geschriebener artikel. wirklich gut gemacht

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