Wortlose Verbrüderung

Jauchzend stürmt mir auf der Straße ein kleines Mädchen in einem orangefarbenen Kleid entgegen. Es gluckst und streckt mir die Hand hin. Händeschütteln ist hier nicht so üblich, deswegen bin ich erstaunt, aber die Kleine packt mich und zieht mich die Straße entlang zu ihrer Haustür. Bis wir dort angekommen sind, sind wir schon umringt von ihren Brüdern und einer weiteren Schwester, allesamt zwischen drei und zehn. Sie sind ganz aufgeregt und können es kaum erwarten, mich ins Haus zu komplimentieren. „Gaaaaast! Gaaaaaast!“ brüllt die Kleine, und die etwas überraschte Mutter und eine große Schwester tauchen in der Tür auf.

CIMG4881Ehe ich es mich versehe sitze ich bei Tee im Wohnzimmer. Die Mutter ist erst verlegen. Sie zupft an den Sicherheitsnadeln, die das Kleid des einen Mädchens zusammenhalten, und drückt einer der Töchter einen Schlüssel in die Hand. Aus dem Schrank im Nebenzimmer werden eigens für mich Kekse geholt.

Das kleine Mädchen, Sarah, plaudert die ganze Zeit. Plötzlich wendet sie sich an ihre Mutter, deutet auf mich und sagt: „‚Sie kann sprechen, warum sagt sie denn nichts?“ Ich versuche ihr zu erklären, dass ich nur ganz wenig Dari kann. Sarah: „Aber wieso denn nicht? Und deine Mutter, spricht die Dari?“ Als sie erfährt, dass meine Eltern beide kein Dari sprechen, macht sie große Augen.

„Sie liebt Ausländer und bringt die ganze Zeit welche mit nach Hause … aber sie weiß nicht so richtig, was das ist,“ erklärt die Mutter. Ich schaue zu den anderen. Sie unterhalten sich rege, diskutieren den Gesten nach über mein Haar, meine Augen, meine Kleidung, aber man hört keinen Ton. Alle vier sind taubstumm. Kein Wunder, dass Sarah vorhin das „kann sprechen“ so betont hat.

Eine neugierige Nachbarin streckt ihren Kopf zur Tür herein. „Nur mal hallo sagen. Ich habe gehört, ihr habt einen Gast!“ Im Handumdrehen haben die Kinder sich umgesetzt, so dass sie ihr alle mehr oder weniger offensichtlich den Rücken zukehren und dabei mich angucken. Ein wahres Konzert aus Zwinkern und Augenrollen setzte ein. Sarah kichert, schlägt einen Purzelbaum und freut sich königlich über diese kleine Verschwörung.

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4 Antworten to “Wortlose Verbrüderung”

  1. smartfortwo Says:

    Ein hinreißendes Erlebnis! Sarah ist zu bewundern für ihre Unbefangenheit – und die Mutter für ihre spontane Reaktion und ihre Gastfreundschaft!

  2. Fährfrau Says:

    Ja, welche eine Offenheit und freundliche Neugier, einfach toll!

  3. RevolutionaryGirl Says:

    Wie süß! Ich hoffe nur, sie hört ab einem gewissen Alter damit auf, sonst könnte sie noch Probleme bekommen wenn sie ständig Ausländer mit ins Haus bringt 😉

  4. andromeda8 Says:

    😉 hat ja noch ein paar Jahre Zeit …

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