Drachen auf dem Dach

Drei Drachen haben wir unseren Nachbarn schon abgenommen. Wir mussten gar nichts dafür tun, zugegeben, denn erstere  sind einfach in unserem Garten gelandet. Trotzdem gilt, wer den Drachen aufhebt, dem gehört er. Sie zieren jetzt unsere Wände. Der erste war vielfarbig, der zweite etwas schlichter, der dritte nur noch grün. Jetzt haben unsere Nachbarskinder ein letztes Aufgebot mit einer Plastiktüte gestartet. Das klingt gemein, als würden wir den armen Kindern Afghanistans ihre kärglichen Spielzeuge abnehmen. Gleichzeitig ist klar, es wäre aus Sicht der Kinder höchst unsportlich, einen verlorenen Drachen einfach so wiederzubekommen. Der muss schon im fairen Kampf zurück errungen werden, aber da wir nicht mitspielen, funktioniert das nicht. Vielleicht werfen wir nachts mal einen über die Mauer und lassen es nach einem Unfall aussehen.

Mit ihrem Tütendrachen laufen die Kinder über die benachbarten Hausdächer und werden dann dadurch abgelenkt, dass sie mich im Garten entdecken. Sofort bilden sie ein großes Winkkomitee, vier Jungen, drei Mädchen. „How are you? How are you?“ Ich winke zurück, woraufhin die Jungs die Hände vor den Mund schlagen und scheu kichernd verschwinden. Die Mädchen trauen sich bis ganz an die Dachkante. „Guten Abend!“ ruft eine von ihnen auf deutsch. Die andere stößt ihr den Ellbogen in die Rippen: „Mensch, sprich Englisch!“ Ich erwidere den Gruß auf deutsch. Ungläubiges Kichern auf dem Dach: „Du sprichst DEUTSCH?“ – „Ich bin Deutsche!“

Diejenige, die „Guten Abend“ gerufen hat, wird zur Wortführerin. „Ich bin Vida. Das hier sind Sahra und Sadia.“ Sie erzählt mir, dass sie elf ist, drei Brüder und sechs Schwestern hat und ihr Lieblingsfach Deutsch ist. Das hört man, denn sie spricht wirklich akzentfrei. Sahra zupft sie am Ärmel: „Du, frag sie wie alt sie ist!“

CIMG4996Mein Alter stellt sie vor eine Rechen- und Übersetzungshürde. „Sie ist sehr alt,“ erklärt Vida schließlich den anderen. „Aber sehr hübsch,“ wirft der Kleinste ein, der sich nur kurz hinter den Beinen seiner Schwestern hervortraut. Sie nicken eifrig und nach kurzer aufgeregter Konsultation meldet sich Vida wieder zu Wort: „Ich liebe dich! Aber nicht nur, also … 1, 2,3“ sie deutet auf ihre Schwestern und sich, „ich, eins, zwei, drei liebe dich.“ Sie werfen mir Kusshände zu, und dann muss Vida sich wieder ganz ihrer wichtigen Aufgabe als Drachenlenkerín widmen.

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2 Antworten to “Drachen auf dem Dach”

  1. Lesemarie Says:

    Wer das Buch „Drachenläufer“ gelesen hat, wird dich nicht des Diebstahls bezichtigen!
    Ich eins zwei habe mich gefreut, von dieser Geschichte zu lesen!!! Wer ahnt denn, dass du dort deutsche Wörter hörst und Kinderherzlichkeit von Dach zu Garten erlebst!

  2. Fährfrau Says:

    Diese aufgeschlossenen und neugierigen Kinder beeindrucken mich auch – und ich hatte gar nicht erwartet, dass es ein Stück des Kabuls aus dem Drachenläufer tatsächlich noch gibt. (Von den Ekeln mal abgesehen, die aber ja ein weltweit verbreitetes Übel sind.)

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