Operation Wahlurne

Derzeit herrscht in Kabul ein bizarrer Austausch. Während Hunderte von Journalisten und Wahlbeobachtern in die Stadt schwärmen, verlassen gleichzeitig ebenso viele Mitarbeiter internationaler Organisationen das Land. Man hofft, dass sich möglichst viele Afghanen an die Wahlurnen trauen, aber fühlt sich selbst hinter Mauern und Sandsäcken nicht mehr sicher. Die Änderungen in der Sicherheitslage lassen sich bis hin zum kleinen Laden an der Ecke ablesen, einer Eisenwarenhandlung, die neben Gartentoren und Schrein-Rahmen neuerdings auch Schlagbäume zusammenschweißt.

Von den Afghanen aus meinem nächsten Umfeld haben sich nur wenige ins Wählerregister eintragen lassen. Zwei von ihnen sind damit in ihrer ganzen Familie die einzigen. Allerdings braucht man sich keine Sorgen zu machen, dass zu wenige Stimmzettel abgegeben werden. Von den geschätzten 12 Millionen Wahlberechtigter haben nämlich sage und schreibe 17 Millionen eine Wahlkarte, knapp 142 %.

Wir fragen unseren bärengroßen bärtigen Kollegen, wie es um seine Wählerkarte bestellt ist. Vor Wochen hatte er noch keine, aber jetzt hat er ordentlich aufgeholt: Neun seien es mittlerweile, grinst er stolz. Nachdem wir ihm letztes Mal erzählt hatten, dass Wählerkarten auf dem Basar gehandelt werden, hatte er rasch überschlagen, er könnte mit denen seiner Verwandtschaft noch 30, 40 Dollar verdienen. Ganz so viele hat er nicht zusammenbekommen, aber da sie ohnehin eher in Tausenden als einzeln gehandelt werden, muss er sich noch überlegen, was er jetzt damit macht. Ich frage seinen hünenhaften Sohn, ob er zur Wahl geht. Der schaut mich verständnislos an: „Was? Ich? Zur Wahl? Bei uns sind alles Taliban, die schneiden mir den Kopf ab!“ Der Vater verdreht die Augen und seufzt schwer. Man kann sich wieder einmal des Eindrucks nicht erwehren, Papa habe andere Vorstellungen davon, wie sein Sohn sein sollte.

Es stimme schon, sagt der Vater, auf dem Weg nach oder aus Kabul würden sie gelegentlich angehalten, kontrolliert, ihr Auto gefilzt und die Handys nach ausländischen Nummern durchsucht. Neulich gerade, von zwei Typen, der eine in Polizeiuniform, der andere hätte typische Taliban-Kleidung getragen aber auch gesagt, er sei von der Polizei. Wie solle er da noch wissen, wen er gerade vor sich hat? Er würde immer sagen, er sei Taxifahrer oder Händler auf dem Basar. Sein Sohn, nun ja, das erste Mal hätte er gesagt, er arbeite beim Gemüsehändler, das sei den Kontrolleuren komisch vorgekommen. Jetzt würden sie lieber sagen, er sei Bauarbeiter, das würden sie sofort glauben. Wie auch immer, er habe seine Karten und nichts werde ihn davon abbringen seine Stimmen abzugeben! Allerdings wisse er noch nicht, für wen.

Eine der Grazien merkt an, sie höre viel Kritik am Bildungsgrad der Wähler, aber wenig über den der Kandidaten. Eine Freundin hätte sie jedoch gestern entsetzt angerufen, sie solle unbedingt Fernsehen. Dort lief eine Debatte zwischen zwei Ärzten, von denen die beiden einen als ihren Professor aus dem Studium kannten und der andere Präsidentschaftskandidat ist.

„Wir konnten nicht glauben, mit welchen Schimpfwörtern und auf was für eine billige Weise die beiden sich angegriffen haben,“ erzählt sie. „‚Muss ich dich daran erinnern, wie du damals bei der Operation die falsche Ader durchtrennt hast?‘ hat der eine gefragt, dann der andere: ‚Und du, du hast doch auf dem Magen des anderen Patienten Schlagzeug gespielt, als der in Narkose war!“ – ‚Ha, und du warst immer so besoffen bei den OPs, einmal bist du nackt aus dem Krankenhaus gerannt, und dein Freund musste dich zwingen, dir wenigstens eine Unterhose anzuziehen!'“ Sie wird noch in der Erinnerung an diese Debatte rot.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: