Hausrecht bricht Wahlrecht

Heute sind Wahlen in Afghanistan. Bei all den Anschlägen gestern in Bagdad hätte man fast meinen können, die Taliban hätten Irak und Afghanistan verwechselt. Das scheint auch einigen Journalisten zu passieren, die die Situation hier deutlich dramatischer darstellen, als sie ist. Trotz einiger Anschläge ist die Stadt relativ ruhig.

CIMG5089Kurz vor der Öffnung der Wahllokale bilden sich schon Schlangen. In dem, das ich als erstes besuche, machen die Frauen etwa ein Fünftel der Besuchter aus, was allerdings schon beträchtlich ist. Zu meinem Erstaunen kommen sie allesamt alleine oder in Frauengruppen. „Wo sind eure Männer?“ frage ich. Sie sind zu Hause, und wie mir eine Frau mit genüsslichem Kichern versichert: „Meiner ist zu spät losgegangen, der hat keine Wahlkarte mehr bekommen.“ Einige Frauen, die in einer Gruppe zusammenstehen, erklären, sie würden dieses Jahr zum ersten Mal wählen gehen, aber in Zukunft bestimmt immer. In ihrer Familie seien sie schließlich die einzigen, die eine Karte hätten. Stolz zeigen sie mir ihre Karten, auf denen nicht nur ihre Namen sondern auch ihre Fotos prangen – obwohl das für Frauen nicht verpflichtend ist.

Im Wahllokal schaue ich mir die Stimmzettel an, das Versiegeln der Urnen, und selbstverständlich interessiert mich auch, ob es tatsächlich Tricks gibt, die Tinte wieder abzuwaschen. Ich bin die erste, die ihren Finger in das Tintenfläschchen tunken darf. Auf den ersten Blick bin ich von der blassen Färbung enttäuscht. Ich hatte mir einen leuchtend blauen Finger versprochen.

CIMG5093Nicht alle wollen mir sagen, was sie gewählt haben oder wählen würden. Drei Pick-ups voller Polizisten fahren vor, schwerbewaffnet und zum Teil mit Helmen. Sie rufen mir zu, Karzai sei der Beste. Hinter mir zischt ein alter Herr mit Turban, ich solle der Polizei kein Wort glauben. Wie solle man denn als einfacher Mensch überleben, bei den schlechtbezahlten Jobs? Darum habe Karzai sich kein bisschen gekümmert. Deswegen wähle er jetzt Bashardost, den Helden der Armen, der in einem Corolla fährt während andere eine Hubschrauberflotte in Trab halten.

Wenig später kommt der alte Herr noch einmal vorbei, grinst, hält mir den Tintenfinger entgegen, und sagt, für Bashardost gehe er jetzt gleich noch mal wählen, aber im Wahllokal um die Ecke. Ich wende ein, jetzt hätte er nicht nur Tinte am Finger, sondern seine Registrierungskarte sei auch gelocht worden. Das mit der Tinte scheint ihm keine größeren Sorgen zu bereiten, und was die Karte betrifft, hat er noch eine in der Hemddtasche. Fotografieren darf ich ihn mit seinen beiden Karten jedoch nicht.

Ich fahre zu einem anderen Wahllokal. Mein derweil dunkelblau gewordener Finger wird allseits als ein Zeichen der Solidarisierung gesehen. Die Leute, ob Polizisten, Wahlbeamte oder Wähler, freuen sich.  Im Frauen bereich bewachen sieben Angestellte der Wahlkommission zwei einsame Wahlurnen. „Wieviele waren denn schon da?“ erkundige ich mich. Sie zucken die Schultern: „Keine Ahnung.“ Eigentlich sollten sie das von den Listen ablesen können, in die sie die Wahlkarten eintragen. Ich beuge mich runter und schaue, ob ich die Wahlzettel in den halbdurchsichtigen Urnen zählen kann. „Ich bräuchte auch nur eine grobe Schätzung.“ Sie schauen sich an: „Etwa sechs.“

CIMG5137Mittlerweile hat sich der Fingernagel von einem stumpfen gelb zu kastanienbraun verfärbt, die Haut schimmert satt schwarz-braun. Die Farbe zeigt sich von allen Hausmittelchen absolut unbeeindruckt und wird noch nicht einmal andeutungsweise heller.

Die Männerschlange vor der Moschee, die als Wahllokal dient, schaut interessiert, allerdings weniger auf meinen Finger. „Warum fotografierst du nur die Frauen und nicht uns?“ fragt einer. Die Erklärung liefert ihm ein älterer Mann, der mir den Zutritt versperrt. „Das hier ist ein Männerwahllokal,“ zetert er, ich solle gefälligst zu den Frauen verschwinden. Ein großer Herr, dessen Schaffellhut dermaßen nach Karzais aussieht, dass ich ins Grübeln gerate, ob das Wählerbeeinflussung ist, betritt den Raum. Nein, verfügt er, er sei schon großzügig verfahren, als er uns überhaupt eingelassen habe. Er ist der Mullah, und wer dieses Wahllokal betritt, unterliegt seinem Hausrecht.

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