Sprung in die Schüssel

CIMG4683Afghanistan gehört zu den wenigen Staaten, die keinen Zugang zum Meer haben. Das hält die Besitzer eines Restaurant am Ufer des Stausees nicht davon ab, trotzig ein Schild aufzustellen, das den Weg zum Strand weist. Ich wundere mich schon, wie es sein kann, dass ein afghanisches Grundstück auf einer Seite keine Mauer hat und mache mich auf das Schlimmste gefasst. Die Besitzer haben aber glücklicherweise einen Kompromiss gefunden – man kann nicht bis ans Wasser, aber es ist in diesem Fall nur ein Zaun dazwischen.

Schon bei den Seen in Bamiyan habe ich bedauert, dass es nicht mehr das Land für Frauen in Badeanzügen ist. Meine älteren deutschen Kolleginnen können sich noch gut daran erinnern, dort geplanscht zu haben. Die alten Tanten meines afghanischen Kollegen seufzen heute sehnsüchtig, wenn sie sich daran erinnern, wie sie im Fluss in Kandahar schwimmen gelernt haben. All das ist heute den Männern vorbehalten, in deren Augen wahrscheinlich selbst ein Burkini noch zu sündige wäre.

In all den Sicherheitsschleusen, in Taxis und anderen kleinen, geschlossenen Räumen wünschte man sich manchmal, das Männer nicht nur das Schwimmprivileg sondern auch ein Duschgebot hätten. Da konservative Geister die Forderungen des Koran nach Reinlichkeit auf den Geist und nicht auf den Körper beziehen, bleibt hier oft nur das Luftanhalten. „Zur Talibanzeit war einer meiner Onkel Geldwechsler und stand immer an der Straßenkreuzung,“ erzählt die eine Grazie. „Die Taliban fanden ordentliche Bärte und sauberes Auftreten allerdings anstößig und westlich, deswegen haben die Geldwechsler sich immer wenn sie Kontrollen kommen sahen, rasch die Bärte in Unordnung gebracht.“ Die olfaktorische Erblast wiegt jedoch schwerer.

Als eine der anderen Grazien mir eine SMS schickt, sie habe sich beim Schwimmen verletzt, vergesse ich fast, mich nach ihrer Gesundheit zu erkundigen, so brennend interessiert mich, wo es die Gelegenheit dazu gibt. Ich reiße mich zusammen, aber kaum haben wir aufgelegt, frage ich meinen Kollegen, ob er das weiß und ob ich da auch hin kann. „Schwimmen … vielleicht hat sie sich nicht ganz korrekt ausgedrückt,“ meint er zurückhaltend. Ich schaue verständnislos. „Sie ist, wie soll ich sagen … im Planschbecken ausgerutscht.“ Ein Spielzeug, das in anderen Ländern Kindern vorbehalten ist, gerät in einem Land in dem es warm ist, man sich aber nur im Privaten entblößen darf, zum Renner; in knallbunten Farben erhältlich an jeder Straßenecke. Ich habe auch schon eins.

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6 Antworten to “Sprung in die Schüssel”

  1. smartfortwo Says:

    Leider gab es in früherer Zeit noch keine Duschen…. aber auch anderswo hat sich diese beste aller Erfindungen noch nicht durchgesetzt.

    Achtest du darauf, nur im „Pool“ zu sein, wenn die benachbarten Bauarbeiter Feierabend haben? Nicht, dass aus dem Pool ein Sündenpool wird:(

    • andromeda8 Says:

      … oder sie mich da noch rauspoolen 🙂 Ich habe das Planschbecken ehrlich gesagt noch gar nicht eingeweiht, suche aber schon nach dem idealen Ort – und die Bauarbeiter sind zum Glück gegenüber vom Büro.

      • andromeda8 Says:

        Unseres ist übrigens genau das Modell, dass der Verkäufer im ersten Bild bei „Taliban und Teletubbies“ trägt!

  2. smartfortwo Says:

    nette Farben sind das ja, das muss man neidlos anerkennen!
    Bist du angesichts der Größe der Schüsseln froh, nicht zu den „langstieligen“ Damen ( wie Frau M.) zu gehören?

  3. RevolutionaryGirl Says:

    Meinst du, du könntest mir einen Entwurf von einem „Burkini“ zukommen lassen, damit ich es zum Schneider bringen kann? :D:D:D

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