Der Weckruf der Sirenen

Es scheint es, als hätten die Einwohner Kabuls beschlossen, in der Nacht jeden Dezibel aufzuholen, den sie am Tage verpassen. Sinkt die Sonne, heben die Mullahs zum  duellpredigen und koranwettvorlesen an. Auch der bei uns um die Ecke läuft zu Hochform auf. Er wird auch sonst gelegentlich beim Morgengebet von einem außerordentlichen Verkündungsdrang befallen. Dann rezitiert, predigt, hustet und schnarrt er manchmal eine ganze Stunde lang.  Jetzt ist er nicht mehr alleine.

Damit jedoch noch nicht genug. Jeden Morgen, eine Stunde vor Sonnenaufgang gellen die Sirenen. In den ersten Nacht wachte ich voller Herzklopfen auf, sprang aus dem Bett, griff Pass und Geld und mich an einen sicheren Ort zu begeben. Noch nie zuvor hatte ich Sirenen in der Stadt gehört.  Stattdessen sah ich die Fenster der umliegenden Häuser hell werden, hörte Gläser klirren und Pfannen scheppern. Ich hätte wissen müssen, dass Essen von solch elementarer Bedeutung hier ist, dass kein Alarm zu dramatisch sein kann, um auf eine Mahlzeit hinzuweisen.

Die paar Raketeneinschläge, die ein paar Stunden zuvor das Viertel erschüttert hatten, waren darüber geradezu nebensächlich.

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