Fastenbrechen über den Wolken

Kabuls Flughafen ist ein Labyrinth aus Sicherheitskontrollen. Es gibt viele, die meisten sind jedoch erratisch. Gleich am Eingang entbrennt ein Streit darüber, ob ich zum Terminal laufen soll oder nicht, man verfrachtet mich eilends in den Bus, nur leider ist den Sicherheitsleuten entgangen, dass der Fahrer sich auf unbestimmte Zeit zu einem Nickerchen zurückgezogen hat. Als ich dann doch  zu Fuß im Terminal angelange, bin ich weit und breit der einzige Fluggast. Trotzdem reicht im Ramadan eine Stunde nicht aus, um mich tatsächlich ins Flugzeug zu befördern.

Zähneknirschend buche ich rasch ein neues Ticket und befinde mich abends auf dem Weg nach Dubai. Reisende müssen eigentlich nicht fasten, aber obwohl die traditionelle Dattel zum Fastenbrechen ausgeteilt wird, folgt dann kein Mahl. Dafür gibt es ein Gewinnspiel. Ein Mitreisender, heißt es, wolle eine Wohtat erweisen, und wer seine Bordkarte einreiche, erhalte 35 Dollar. Außerdem nehme man damit an einer Verlosung für Flüge und andere Preise teil. Diejenigen in meiner Reihe meinen, das hätte ich falsch verstanden, um teilzunehmen, solle man wahrscheinlich eher 35 Dollar zahlen. Dann jedoch zieht das Flugpersonal mit einem Bündel Geldscheine durch die Reihen. Tatsächlich gibt es eine Auszahlung.

Ich frage noch einmal meinen Nebenmann, ob vielleicht dann auch Aussicht auf ein Abendbrot besteht, denn in der Hoffnung bereits mittags zu fliegen, habe ich nichts gegesen. „Willst Du nicht gleich in Dubai mit uns in ein Restaurant gehen?“ Ich lehne dankend ab. „Ach, dann gib mir mal meine Tasche, da ist ein Fresspaket von meiner Mutter drin!“ – Ich sage, so schlimm sei es noch nicht, aber leise murmelt er, auch er habe Hunger. Bald schon kauen wir an köstlichen Kardamom-Kuchen. Allen drumherum läuft das Wasser im Munde zusammen. Mein Sitznachbar lacht und verteilt auch an die anderen Leckereien.

Nachdem wir das ungeschriebene Essensverbot gebrochen haben, knistert es überall. Väter bringen die Chipstüten an sich, die sie zuvor ostentativ vor ihren Kindern plaziert hatten, Mütter bedienen sich an deren Smarties. Dem Duft nach, der durch die Reihen zieht, hat sogar jemand Kebab mitgebracht. Wäre mein Bruder hier, würde er den Zustand sicherlich mit „gefräßige Stille“ umschreiben.

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Eine Antwort to “Fastenbrechen über den Wolken”

  1. b.-blocker Says:

    Tut mir leid, aber mir fiel gleich ein: „über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein“, obschon sich das Fastenbrechen wohl auf das Reisen im Allgemeinen zu beziehen scheint. Gibt es dafür eigentlich auch einen Grund?

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