Schneidern nach deutschem Geschmack

Das erste Mal in meinem Leben befasse ich mich mit Burda-Moden und Brigitte. Das liegt an dem Schneider, zu dem mich die Grazien immer mitnehmen. Ein Besuch bei ihm ist ein Erlebnis und das Ergebnis seiner Arbeit lassen nichts zu wünschen übrig. Er hat ein faszinierendes Auge dafür, wie Dinge geschnitten sein müssen, um perfekt zu passen. Bei manchen der Kleider habe ich nachträglich noch einen Reißverschluss einfügen lassen, da die Qualitäten eines Schlangenmenschen zum rein- und vor allem rauskommen erforderlich waren, aber sie saßen wie angegossen.

Wann immer ich seinen Laden betrete, beginnt ein Ritual des Feilschens um alles – außer um den Preis.

Ich drapiere meine Stoffstücke auf dem Ladentresen, und er zupft mit hochgezogenen Brauen an den Zipfeln. „Ich frage mich, wie nur kann man es schaffen, so winzige Stoffstücke überhaupt zu kaufen?“ lamentiert er. In der Tat,  zwischen den dicken Stoffbündeln, die die Grazien aus ihren Taschen ziehen, nimmt es sich mickrig aus. Sie beugen sich über den Tresen: „Aber schau doch, für uns braucht man auch viel mehr. Sie ist ja nur … eine halbe Portion!“ Ich trete einen Schritt zurück, posiere in meinem auch von ihm geschneiderten Hemd und sage, das scheine mir doch ausreichend. Seufzend beugt er sich über sein Skizzenbuch und beginnt mit Kugelschreiber den Entwurf. „Keine Puffärmel!“ sage ich streng, und versuche eine kleine Korrektur.

„Ich weiß nicht, was sie sich einbildet,“ kokettiert er. „Wir sind hier nicht im Westen und können alles!“ Dezent schiebt er dabei einige Kataloge indischer Moden unter ein paar Stofffetzen, die ich natürlich sofort wieder hervorziehe. „Aber hier, die haben doch alle keine Puffärmel! Wer diese eleganten Schnitte draufhat, wird doch nicht vor meinen schlichten Vorstellungen kapitulieren!“

Sichtlich geehrt beginnt er eine Diskussion um den Ausschnitt. „Wir halten es ja eher mit dem hochgeschlossenen … Aber hier zum Beispiel habe ich mir einen Trick einfallen lassen! Es schließt am Hals, aber dann kommt erstmal lange … gar nichts. Nur dieser Hauch, ein kleiner Streifen hier und dort. Ich sage ja auch immer, zieht was drunter, also diese hautfarbenen Oberteile gibt es gerade äußerst günstig im Basar! Die Grazien lüpfen kichernd ihre Schals in meine Richtung: „Haben wir schon! Aber warum was drunter ziehen, wenn es auch drüber geht?“

Ich komme auf die Ärmel zurück. Nicht lang, nicht kurz, aber auf jeden Fall schlicht wolle ich es. Der Schneider kommt zu dem Schluss, dass das Stoffstück sogar lange Ärmel zulasse. Ich bitte die Grazien zu betonen, dass sie dann unten nicht eng sein sollten. Der Schneider schaut verwirrt und vertieft sich in eine lange Debatte mit seinen beiden Kollegen, die gebannt gelauscht haben. Ich erkundige mich, was los sei. Die Grazien erklären mir, er sei unschlüssig über meinen Glauben: „Weite Ärmel braucht man doch nur, wenn man ordnungsgemäß beten will, sie vorher hochschieben, und jetzt wundert er sich, warum ausgerechnet du als Ungläubige so unmodisch rumlaufen willst.“

Verstohlen blicke ich auf ihre Ärmel, die kaum genug Platz fürs Handgelenk lassen. Sie versichern eilig, die Gebete des Tages könne man ja auch in seiner Freizeit nachholen, und da würden sie ganz anders herumlaufen. 

Der Schneider knipst ein Stoffstückchen ab und pinnt es mit einer Stecknadel in den nun auch mit Maßen versehenen Entwurf. So erinnert er sich bei den vollen Regalen daran, was woraus gemacht werden soll. Ich bedanke mich. Er aber hat noch eine Frage: „Woher kommst du eigentlich?“ – „Aus Deutschland.“ Ein Leuchten tritt in seine Augen: „Wenn sie das nächste Mal hinfährt,“ wendet er sich an die Grazien, „könnte sie mir vielleicht ein paar Modemagazine mitbringen? Wann immer ihre fertigen Stücke hier hängen, fragen viele, ob sie es nicht genauso haben können.“

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2 Antworten to “Schneidern nach deutschem Geschmack”

  1. Lesemarie Says:

    Und? hast du an die Magazine gedacht?

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