Stoff für All-Träume

Wir stehen am Schalter der Fluglinie und studieren fasziniert den Stempel. „Not valid after departure,“ steht auf unseren Tickets. Ein Glück, dass die Berliner Verkehrsbetriebe keine Aufbauhilfe bei Pamir Air leisten, denn sonst käme bestimmt gleich nach dem Abheben ein Kontrolleur und würde uns fürs Schwarzfliegen zur Kasse bitten.

Herat, ganz im Westen des Landes, ist deutlich kleiner als Kabul. Auch wenn es dort nicht ganz so ruhig zugeht, wie man aus der Ferne gerne annimmt, hat die Stadt etwas Gemütliches. Fast alle lächeln und freuen sich, uns zu sehen – obwohl sie uns für Amerikaner zu halten scheinen. Zumindest raunen uns viele „Amrikahoi“ („Amerikaner“) hinterher.

Wir kommen auf den Einkaufsstraßen an einigen Burka-Fachgeschäften vorbei. Hier dominieren die  blauen Überwürfe, aber es gibt sie auch in hellgelb, altrosa und einem geradezu gewagten Mintton. Das scheint jedoch nicht beliebt. Die Frauen auf der Straße tragen wahlweise die üblichen blauen Burkas oder sind in große schwarzweiß gemusterte Tücher geschlungen. Viele von ihnen winken uns zu, klopfen uns auf die Schulter oder geben uns die Hand.

Die Kabuler Mode der langen Hemden über Hosen ist in Herat nur bei Schulmädchen üblich, und auch die knalligen Bollywoodfarben der Kabuler Stoffe sucht man vergebens.

Im Haus hingegen sind den Mustern der Stoff-Phantasien keine Grenzen gesetzt. Ich freue mich diebisch, als wir auf dem Balkon eines Freundes stehen: Er hat das Vorhang-Pendant zu unserer Rennwagenbettwäsche! Dann sind wir wenigstens nicht die einzigen, die in einem geschmacklichen Parallel-Universum schlafen. Von innen wunderbar angestrahlt leuchten dreiäugige Außerirdische und Sternenbagger in die Nacht. „Ich habe da einfach auf unsere weißen Vorhänge gezeigt und gesagt, so was wollte ich auch für die anderen Zimmer. Am Abend war dann das da, “ berichtet unser Freund.

Seine Mitbewohner kichern. Ob ich schon einen Blick auf ihre Tischdecke geworfen hätte? Auch hier hat sich der Stoffkäufer ins Zeug gelegt, um etwas besonderes zu finden. Bilder von Bürsten, Spiegeln und Lippenstiften wechseln sich ab mit Zeichnungen eines Mädchens im bauchfreien T-Shirt – mit der Aufschrift „I love Makeup“.

*Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Tilman Schieber

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