Zur Feier ein vegetarisches Huhn

Das Team ist verstimmt. „Noch nicht einmal Süßigkeiten hat er mitgebracht!“ höre ich die Grazie sagen. Es geht um den Chefwächter, dessen Tochter letzte Woche geheiratet hat. Ich bin erstaunt, denn davon wusste ich gar nichts. „Genau! Er schweigt es tot! Undnichts zu essen für uns.“ Ich frage sie, ob er sich das vielleicht nicht mehr habe leisten können, so teuer wie Hochzeiten hier sind. Einhellig schütteln alle den Kopf. Der Finanzmanager erklärt es mir: „Wenn Töchter heiraten, hat man nicht das Gefühl, dass es ein Gewinn für die Familie ist. Man ‚gibt die Tochter weg‘.“

Bild043Die Grazie fügt hinzu, außerdem sei es eine Frage der Ehre. Man spreche nicht über Frauen. Wenn es unbedingt sein müsse, dann erwähne man sie zwar, aber nicht mit ihrem Namen. Spitz bemerkt ein Kollege, darüber habe er schon mal mit den anderen gesprochen. Er hätte ihnen gesagt, man kenne doch auch die Namen aller Frauen und die der weiblichen Verwandten von Mohammad, warum also nicht die ihrer Frauen, Schwester oder Töchter? Sie hätten das zwar irgendwie eingesehen, aber trotzdem sei es ihnen unheimlich.
Manchmal sogar die Verwandschaftsbeziehung als solche: „Als neulich der Vertreter der Druckerei hier im Büro war, hat er uns erzählt, in seinem Haus gebe es eine Hochzeit – die der ‚Schwester seines Bruders‘. Er hat sich nicht mal getraut, sie als seine eigene Schwester zu bezeichnen.“

Bild044Die Aufmerksamkeit schwenkt zu weiteren Gelegenheiten, zu denen man seinen Kollegen etwas mitbringen sollte. Ich stelle fest, dass mein Team den Tag des Mauerfalls sehr gut im Kopf hat und als Anlass zum Feiern betrachtet … außerdem, dass wir jetzt in unserem Haus wohnen bleiben könnten, obwohl der Vermieter uns rauswerfen wollte … Wie ich einsehe, gibt es genug Gelegenheiten – und eine expandierende Zuckerbäckerzunft und -kunst! In der Konditorei können wir uns nicht entscheiden, ob wir einen rosafarbenen Kuchen mit einem weißen Hund (mit Knochen!) nehmen sollen, oder doch das Modell, auf dem Sahnenentchen mit Schlapphüten und dunklen Brillen schwimmen.

Zurück im Büro erwähnt ein Mitarbeiter, an seinem früheren Arbeitsplatz sei sogar mal ein Schaf gestiftet worden. „Klar, ein Schaf, warum nicht. Ich könnte nächstes Mal eine Schar Hühner mitbringen,“ schlage ich vor. Allgemeine Empörung: „Hühner? Wir sind doch keine Vegetarier!“

Advertisements

2 Antworten to “Zur Feier ein vegetarisches Huhn”

  1. b.-blocker Says:

    Ich bin für den Hunde-Kuchen! (Allerdings nur, wenn Du noch ein paar Löcher hineinbohrst, als kleine Erinnerung an den Minensucher.)

  2. hondaforone Says:

    Ich bin für ein Schaf: Wolfspelz ab und gucken, was drunter ist 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: