Knöllchen in Kabul

Mein früherer Arabischlehrer pflegte von einer Straße im Yemen zu erzählen. Da sie mit deutschen Geldern gebaut wurde, habe man es an nichts fehlen lassen wollen, auch nicht an der nach deutschen Maßstäben notwendigen Beschilderung zur Sicherung der Straße – und den Spiegeln, mit denen man trotz scharfer Kurven in den Bergen entgegenkommende Fahrzeuge sehen sollte. Tragischerweise fanden die yemenitischen Autofahrer die Spiegel damals außerordentlich faszinierend – so sehr, dass sie es mit dem Leben bezahlten, weil sie vor lauter Schauen vergaßen, die Kurve zu nehmen. Berge von Autowracks unter den entsprechenden Stellen hätten davon Zeugnis gegeben, so der alte Professor.

Das ist lange her, und deutsche Entwicklungshilfe hat seitdem hinzugelernt. Obwohl Deutschland der viertgrößte Geber ist, ist Afghanistan so gut wie frei von Verkehrszeichen. Für die Bundeswehr ist derlei Anarchie auf den Straßen schwer vorstellbar. Einer ihrer Sprecher pries unlängst das Wohlverhalten deutscher Truppen: „Wenn wir eine rote Ampel sehen, dann halten wir da jetzt an und fahren nicht mehr einfach drüber!“ Leider hat sein Gesprächspartner vergessen zu fragen von welchen Ampeln er spreche, und warum überhaupt im Plural.

Heute erspähe ich das erste Halteverbotsschild! Bestimmt ist irgendwo eine Plakette dran, die es als deutsche Spende ausweist. Aber das kann man nicht sehen, weil es völlig zugeparkt ist. „Was passiert, wenn man falsch parkt?“ erkundige ich mich. Mein Gesprächspartner kratzt sich am Kopf: „Je nachdem was so dran ist am Auto – die Spiegel fehlen, oder die Antenne …“ – „Nein,“ unterbreche ich ihn, „ich meine wenn die Polizei findet, dass man falsch steht?“ Ich versuche zu erklären, wie das in Deutschland mit den Knöllchen funktioniert. Der Fahrer amüsiert sich: „Sie klemmen einen ZETTEL hinter den Scheibenwischer? Dass man etwas bezahlen muss? Und das funktioniert?“

Hier, so lerne ich, klemmt die Polizei keine Zettel irgendwohin. Sie nimmt stattdessen einfach die Nummernschilder mit. Dann ist es an einem, die richtige Polizeistation finden und dort dafür zu bezahlen, dass man sie wiederbekommt.

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