Kuhstedtistan

Oftmals sagen Besucher, sie würden sich auf den Straßen nicht recht wohlfühlen. Sie wüssten ja nicht, diese Herren mit Bärten auf der Straße – wer davon sei wohl ein „normaler Afghane“ und wer davon eine zwielichtige Gestalt? Das Gefühl kenne ich, allerdings beileibe nicht nur bezogen auf Afghanen. Ich habe es  zum Beispiel, wenn mir die muskulösen, tätowierten Herren der diversen internationalen Sicherheitsfirmen gegenüberstehen. Ich habe es, wenn von den schmalen Straßen plötzlich alle beiseite springen müssen, weil ein amerikanischer Militärkonvoi mit Schützen im Ausguck der haushohen Fahrzeuge hindurchwalzt. Manchmal habe ich es auch in den Restaurants und Bars. Gerade wenn diese als „sicher“ eingestuft sind, trifft man hier die schillerndsten Charaktere.

Als wir um Mitternacht im relativ neu eröffneten Club ankommen, müssen wir in der Eingangsschleuse warten.  Da es nur einen in Kabul gibt, ist das natürlich gleichzeitig der „In-Club“, und dazu gehört es, selektiv beim Einlass zu sein. Mit uns drängeln sich diverse Franzosen und Amerikaner dort, allesamt so jung aussehend, als gäbe es jetzt Schüleraustausch mit Kabul. Wir überlegen, ob das Warten sich lohnt, da werden wir an der langen Schlange vorbeigewinkt. Klarer Fall: Drinnen herrscht Männerüberschuss, und in unserer Gruppe haben wir gleich vier Frauen. Erwartungsgemäß dient das Zicken um den Einlass auch eher dem Image als dem Umstand, dass es tatsächlich brechend voll wäre.

Die Besucherschar erinnert mich an die Dorfdiskos meiner Jugend, nur bekommt man hier keinen freien Eintritt, wenn man mit Gummistiefeln erscheint. Egal welche Musik gespielt wird, sie trifft auf ein dankbares Publikum. Wir bilden da keine Ausnahme und tauchen in der wilden Mischung aus Peacebuildern und Söldnern, Handelstreibenden und Diplomaten unter. „Jetzt fehlt nur noch, dass das gleiche passiert, wie neulich im L’Atmosphère – als plötzlich der grässlichste aller Anwesenden ausgerechnet zu mir kam, weißt du noch?“ brüllt meine Freundin C. gegen die Musik an. Wir schaudern gemeinsam, als sich auch schon jeweils eine Pranke um unserer beider Taillen legt. Der dazugehörige Herr wirkt, als sei er dem nebulösen Agentenroman Libidissi entstiegen. Zum Glück verschwindet er alsbald wieder im rauchigen Dunkel.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: