Hilfe, die Nachbarn …

Frühling (ohne Nachbarn)

Ich frage meinen Kollegen aus der Provinz, wie er das mit seiner Sicherheit handhabt. Schon vor einem Jahr hat er erzählt, niemand aus seinem Dorf dürfe wissen, dass er mit Ausländern zu tun hat, und deswegen firmiere er als Händler. „Jetzt,“ sagt er mit stolzgeschwellter Brust, „habe ich mir sogar einen Ruf als Autohändler erarbeitet.“ Ich erinnere mich, wie er neulich einen anderen Mitarbeiter nur mal kurz zum Zahnarzt bringen sollte, und gleich mit einem anderen Wagen zurückkam. „Bei mir zu Hause gibt es einen Markt, der ist nicht  zum Kaufen sondern zum Tauschen. Man fährt hin, schaut sich die Autos der anderen an, schätzt, wieviel sie wert sind – und irgendwann wird man sich handelseinig,“ erklärt er. Viele Wochen schon hätte einer des anderen Auto umschlichen, und als er seinen Tauschpartner dann zufällig gesehen hätte, hätten sie das Geschäft kurzentschlossen über die Bühne gebracht.

Was aber die Sicherheit beträfe: Natürlich würden viele aus dem Dorf ihr Geld bei ausländischen Organisationen verdienen, auch einige seiner Cousins, Nachbarn … aber jeder würde so tun, als wisse er nicht vom anderen.

So ähnlich ist es mit unseren Büronachbarn. Wir haben unseren Wächtern eingeschärft, niemandem zu erzählen, wer wir sind, wüssten aber gerne, wer unsere Nachbarn sind, nur haben deren Wächter natürlich die gleichen Anweisungen. Dennoch schlug der Grazienversammlung neulich das Herz bis zum Halse, als die Anschläge auf das indische Gästehaus stattfanden: „Unsere Nachbarn sind auch Inder!“ raunten die Mitarbeiter, „was tun wir bloß?“ Seither liegen unsere beiden langen Leitern an der entgegengesetzten Seite des Gartens, um im Notfall schnell zu den Nachbarn zu fliehen.

Heute sehe ich, wie die indischen Nachbarn auf unserem Garagendach herumkrabbeln. Sie sind dabei, den gleichen grünen Stoff zwischen ihnen und uns zu spannen, wie er in Deutschland Tennisplätze umgibt. Nur krönt er hier stacheldrahtbewehrte Mauern, die ohnehin schon ziemlich hoch sind. Ich grinse kopfschüttelnd, als ich mir vorstelle, die Nachbarn könnten von uns eine Heckenschützenattacke befürchten. Wahrscheinlich stehen sie genauso grinsend auf der anderen Seite des Stoffs.

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