Das Schmatzen von nebenan

Niemand weiß wie, aber in unseren Garten ist plötzlich eine Schildkröte aufgetaucht. Eines Tages war sie einfach da, trottete über die Betonwege, ganz so, als gehöre sie dort hin. Der Wächter war begeistert und versuchte, ihr etwas Gutes zu tun. Zum Glück kam Madame M. noch rechtzeitig, um zu sehen, wie er das Wasserbecken in unserem Garten füllte und rettete das Tier vor dem Ertrinken. Jeder, dem ich vom neuen Haustier erzähle, ist begeistert und fragt, wie es heißen soll. In Anlehnung an die Schildkröte in Momo, Kassiopeia, schlug ich vor, sie afghanisiert „Kassiopeiullah“ zu nennen, meine Freundin N. wandte ein, dann wäre es doch schöner, das gleiche mit Ulla zu machen, und sie fortan Ullaullah zu nennen. Letzlich haben wir es beim Dari-Wort für Schildkröte belassen: Sang Pusht – wörtlich: „Stein auf dem Rücken“.

Während die Schildkröte pflegeleicht im Komposthaufen Quartier bezogen hat und sich am liebsten von Gurken und Tomaten ernährt, sind die streunenden Katzen eher auf die Hühnerbeine im Mülleimer erpicht. Madame M. erzählt, dass in ihrer früheren Firma die nepalesischen Köche mal lebendige Suppenhühner im leeren Mülleimer zwischengelagert hätten. „Dann ist meine Kollegin gekommen und wollte was darein werfen …  man, hat die sich erschreckt, als sie die Klappe aufmachte und plötzlich die Viecher aufstoben!“ Ich stelle mir vor, wie das auch unseren Katzen Respekt einflößen würde, die die Chuzpe haben, wahlweise die Haustür, Terrassentür oder Küchentür aufzustemmen, um sich nachts über den Mülleimer herzumachen.

Das ist selbst für die größte Katzenfreundin unter uns zuviel: „Jede Nacht bin ich aufgestanden, um die Viecher rauszuwerfen. Einmal sind sie über die Reste vom Abendessen hergefallen, die noch auf der Anrichte standen, ein Berg Fleischklopse, der größer war als sie selbst!“ Sie habe daraufhin die Katzen rausgeworfen, die Türen verbarrikadiert und dem Wächter die in der ganzen Küche verteilten Fleischklößchen gegeben, damit er sie wegwirft. Kurz darauf habe sie aber gesehen, wie er sie in einem Napf in ein ungenutzes Nebengebäude gestellt habe. Dort hätten sich die Katzen dann in aller Ruhe vollgeschlagen.

„Damit das ein für alle Mal klar ist: Katzen werden auf unserem Grundstück nicht gefüttert,“ sagte Madame M. streng. Der Wächter, stets bemüht, alles richtig zu machen, zuckte erschrocken zusammen, dann lächelte er. Er nahm die Fleischklopse und warf sie über die Mauer zu den Nachbarn. Seither haben wir kein Katzenproblem mehr.

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Eine Antwort to “Das Schmatzen von nebenan”

  1. Fährfrau Says:

    Ein bisschen schade, finde ich es ja doch, dass die Katzen nun gewischen sind – blickte ich doch mit freudiger Spannung dem Tag entgegen, an dem die Schildkröte ihre geheimen Terrorstrategien gegen die Katzen aufgefahren hätte. 🙂

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