Ikea auf afghanisch

„In Kabul gibt es sowas jetzt auch in einem Einkaufszentrum,“ erzählte eine Grazie meinem Kollegen in Deutschland und stellte sich noch ein bisschen stolzer und aufrechter auf der Rolltreppe hin. Durch ihre Berlin-Aufenthalte sei sie ja schon vertraut damit gewesen. Aber in Kabul, als man da die ersten Rolltreppen installierte, hätten sich an deren Ende stets Menschentrauben versammelt, um sich das Schauspiel anzugucken, denn nicht jeder hätte gleich verstanden, wie man sie benutzt.

Die Zahl der Einkaufszentren in der afghanischen Hauptstadt ist seither gewachsen, und wochenends drängen sich wahre Menschenmassen auf den Rolltreppen. Für viele Gebrauchgegenstände wird man nach wie vor aber eher auf den Markt, oder korrekter: den Märkten fündig. Jede Warenkategorie hat eigene Straßen oder Viertel, die zum Teil weit auseinanderliegen. Vom Stadtzentrum aus braucht man eine knappe Stunde ins Autohändlerviertel Kassab. Für Computerzubehör geht man nach Charaie Ansari in die „Computer Zone“-Passage und als ich neulich einen Mitarbeiter bat, uns zwei große Mülltonnen zu besorgen, verabschiedete er sich „zum Plastikmarkt“.

Legendär ist ums Flussbett herum der „Bush Basar“, auf dem es alles gibt, was legal oder illegal die amerikanischen Camps verlässt.

Das Wächterhaus ersetzt das Schaufenster

Zum Beispiel unsere unverwüstlichen amerikanischen Feldbetten. Mein Mitbewohner bekommt allerdings einen bitteren Zug um den Mund, wenn man diesen Basar erwähnt: „Eine Minute lag meine schusssichere Weste mit dem Helm vor dem Pressebüro im Camp, da waren sie auch schon weg! Die kann ich mir bestimmt dort zurückkaufen.“ Kein Spaß, bei Sachen im Wert von knapp 2000 Euro.

Auch jenseits der ausgetretenen Marktpfade entstehen immer mehr spontane kleine Unternehmen. Dem Obst-Drive-In an unserer Straßenecke hat sich ein Vorhangladen hinzugesellt. An einem Karren, den umstehenden Bäumen und dem neuen Wächterhäuschen unserer Nachbarn hängt ein Händler Tag für Tag morgens seine Ware auf und wickelt sie abends getreulich wieder in Plastikplanen. Zwischendrin kommen Männer, Frauen, Kinder und befühlen die leichten Stoffe, die sich im staubigen Wind bauschen.

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Eine Antwort to “Ikea auf afghanisch”

  1. Fährfrau Says:

    Endlich mal eine Darbietungsform, in der ich Gardinen hübsch finde! 😉

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