Island grüßt

Zwischen den haushohen Sonnenblumen des letzten Sommers wandeln Menschen umher, Telefone fest ans Ohr gepresst, „Dubai? Aber wie dann weiter?“ – „Also, wenn ich es über Istanbul schaffe, schon mal nach Wien zu kommen, kann ich in Salzburg mit dem Mietwagen …“ – „Aber Spanien ist zu weit weg, um von dort aus zu fahren. Wenn hingegen was nach Rom geht …“ Zwischendrin finden kleinere Gipfeltreffen statt: „Gibt’s Neuigkeiten wann die Bundeswehr wieder fliegt?“ – „Ich kann noch mal nachhaken bei General Soundso … wenn wir sonst einen guten Kontakt bei Lufthansa hätten, vielleicht würde das weiterhelfen.“ Selbst die Idee, mit den beiden toten niederländischen Soldaten ausgeflogen zu werden, wird angeregt verfolgt.  Das kafkaeske Haus hat eine Tonspur bekommen.

Kabul ist voller Unwägbarkeiten, aber die Aschewolke eines isländischen Vulkans setzt dem ganzen die Krone auf. C muss dringend nach Deutschland, um seine Ausstellung zu eröffnen, und Lady Magnolia sitzt wie auf glühenden Kohlen, weil ihr morgen ein wichtiger Journalistenpreis verliehen wird. Gerade, weil sie früher selbst geflogen ist, muss es jetzt umso schlimmer sein, hier festzusitzen. Trotzdem bewahrt sie eine stoische Gelassenheit: „Nun denn. Auf der Suche nach einer Möglichkeit habe ich immerhin viele neue Freunde gewonnen,“ sagt sie lächelnd und wählt schon die nächste Nummer.

Zwischen all den SMS und Anrufen hört man die Türklingel kaum. „Hey, wisst ihr, warum die Katzen nicht mehr in unseren Garten kommen?“ fragt Madame M., die gerade eingetroffen ist. „Der Wächter sagt, heute nachmittag hätte ein Marder unter dem Gartentisch gedöst!“ Keiner von uns hat je einen Marder in Kabul gesehen. „Bist du sicher, dass er ‚Marder‘ und nicht ‚Mörder‘ gesagt hat?“ frage ich. „Nein, so einer war auf dem Dach gegenüber, zumindest kam es einem Versuch recht nahe,“ wirft Minka ein. Vor wenigen Stunden hat der Nachbarsjunge mit einer Zwille ihr Fenster zerschossen. Zum Glück saß sie gerade nicht am Schreibtisch. „Als ich rübergegangen bin, war nur die Mutter da,“ informiert uns der Wächter. – „Und was hat sie gesagt?“ – „Sie sagte, ‚Wir warten, bis der Vater nach Hause kommt, insha-allah‘.“

Madame M. erkundigt sich, was die Reisepläne machen. Sie wünschte wahrscheinlich, sie hätte nie gefragt, als wir im Chor anheben, über Luftströmungen und Flugraumverhältnisse in Europa referieren. „Fast wäre auch noch fraglich gewesen, ob von Kabul aus irgendetwas fliegt, denn heute nachmittag gab es wieder einen Raketenagriff auf den Flughafen, ist aber doch außerhalb des eigentlichen Geländes gelandet,“ fügt C atemlos hinzu und küsst überglücklich sein Telefon. „Uff, geschafft! Morgen früh geht es los, dauert zwar drei Tage bis ich da bin, aber es klappt!“

* Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Mikhail Galustov aus seinem Album „The Kafka House“. http://www.mikhailgalustov.com

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4 Antworten to “Island grüßt”

  1. Lesemarie Says:

    Wer konnte ahnen, welche weltweiten Auswirkungen ein Vulkanausbruch haben kann? Hoffentlich geht es nicht so weit, dass man feststellt, das sicherste Verkehrsmittel unserer Zeit sei das Kamel, das sich bereits asl Auslaufmodell wähnte.

  2. Fährfrau Says:

    Es klingt, als hätte sich Euer Haus in einen Bienenstock verwandelt! Auch klar, wer da die Königin ist. 😉

  3. Fährfrau Says:

    Oh, die Bilder hatte ich noch gar nicht gesehen – toll!

    • andromeda8 Says:

      Die habe ich leider auch erst jetzt eingefügt! Aber ich finde sie auch ganz begeisternd.

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