Wofür es sich zu kämpfen lohnt

Zu Anfang dachten sie, es handele sich um einen christlichen Versuch, ihnen das Hirn zu waschen. Aber neugierig waren sie doch: „Wir hatten immer gehört, dass ihr in unserem Nachbardorf arbeitet. Da wollten wir mal wissen, was ihr eigentlich macht.“ Das sagt eine Frau aus einer Runde von 40, die sich heute in einem Dorf eine Stunde außerhalb von Kabul versammelt haben. Sie sind zwischen Mitte 20 und uralt, einige schaffen es kaum die steile Treppe hinauf, aber allen scheint es so wichtig zu sein, dass sie keine Mühen scheuen. Es ist der zweite Tag eines Workshops auf dem Lande, bei dem es um Frauenrechte geht. Nur eine der Frauen kann lesen und schreiben. Die anderen sind nicht zur Schule gegangen und haben ihr Dorf nie verlassen.

Kaum sind wir da, wogt zwischen der Trainerin, Jamila, und den Teilnehmerinnen ein lebhaftes Gespräch. Jamila lässt keinen Zweifel daran, dass der Koran die Leitlinie vorgibt: „So vieles steht darin, lasst euch da nichts falsches erzählen,“ mahnt sie die Frauen. Ein altes Mütterchen schaltet sich ein: „Zum Beispiel beten.“ Sie schlägt mit der Faust auf das Sitzkissen und schnaubt: „Was nützt es dir, fünf Mal am Tag zu beten, wenn du ein schlechter Mensch bist? Wenn du lügst, stiehlst, schlägst, da werden dich die Gebete nicht retten. Sie müssen im Einklang mit dem stehen, was du tust!“

Während die Frauen sich weiter darüber austauschen, schildert mir Jamila, selbst Afghanin und in den 50ern, wie mühsam es war, dieses Projekt zu beginnen. Es gibt nicht viele so aufgeschlossene Dorfgemeinschaften wie hier. Sie hat sich in diesem Fall zunutze gemacht, dass der Dorfvorsteher von ihren Ansichten sehr angetan war. Trotzdem hätte sie persönlich zu einigen Familien gehen müssen, um die Männer zu überzeugen, dass sie ihre Frauen teilnehmen lassen. Wie sie das geschafft hätte? Ein strahlendes Lächeln: „Mein Alter und mein Gewicht! Dadurch werde ich ernst genommen.“

Eine Frau wirft mir eine duftende Heckenrosezu und sagt mit traurigem Lächeln etwas, was ich nicht verstehe. Meine Nachbarin raunt mir zu: „Das ist meine Tante. Sie hatte eine wunderschöne Tochter. Dann haben die Eltern sie verlobt. Sie war darüber so unglücklich, dass sie sich das Leben genommen hat.“

Die Gruppe wendet sich der Frage zu, woher häusliche Gewalt kommt. Eine Teilnehmerin meldet sich zu Wort: „Ist doch klar: Die Frauen haben zuviele Kinder. Den ganzen Tag sind sie damit beschäftigt und müssen soviel im Haushalt tun, dass die Nerven blank liegen. Dann schreien die Frauen alle an, und die Männer schlagen sie.“ Eine andere erwiedert: „Ich denke, es handelt sich da um schlechte Abstimmung zwischen den beiden Ehepartnern. Die Frau sollte halt nicht unnötig herumschreien, und der Mann sollte sie dann auch nicht schlagen.“ – „Du halt mal den Mund,“ ruft eine alte Frau aus der hinteren Ecke des Raumes, „ich weiß, wie oft dein Mann dich schlägt.“

Gewalt, erklärt Jamila, ist nicht nur körperlich. Auch Worte können Gewalt erzeugen: „Allein schon wie ihr eure Kinder nennt. Wenn ihr ihnen spöttische Namen gebt, dann machen sich alle über sie lustig. Erst werden die Kinder schüchtern, aber das kann fatal enden. Wenn sie immer gedemütigt werden, werden sie eines Tages aggressiv und suchen sich jemanden, den sie selbst unterdrücken können.“ – Ich frage, was ein ’schlechter Name‘ ist. „Oh je. Einigen meiner Kinder habe ich welche gegeben,“ sagt eine Frau, „Langnase, Schielauge … ich habe nie dran gedacht, was das für Folgen haben kann, aber es stimmt!“

Am wichtigsten ist es Jamila, dass sie Bewusstsein schafft, ohne Konflikte innerhalb der Familien heraufzubeschwören, und sie rät den Frauen, nicht die Konfrontation zu suchen. „War ich nicht neulich bei dir zu Hause?“ wendet sie sich an eine der Frauen. „Und habe ich mich da nicht beschwert, dass das Essen zu salzig war? Da hast du auch nicht angefangen mit mir zu kämpfen, sondern hast beim nächsten Mal einfach weniger Salz verwendet.“

Advertisements

2 Antworten to “Wofür es sich zu kämpfen lohnt”

  1. Fährfrau Says:

    Jamila klingt sehr beeindruckend! Klug, mit großem Gespür dafür, wie sie ihr Anliegen so vermittelt, dass sie in kleinen Schritten etwas bewirkt, ohne Unfrieden zu stiften. Ich hoffe, es gibt noch viele Frauen wie sie in Afghanistan, auf dass ihre Arbeit auf fruchtbaren Boden fällt und sich der Samen ihrer Früchte weiter verbreitet!

    • andromeda8 Says:

      Sie ist großartig! Aber ich war auch schwer beeindruckt von den Teilnehmerinnen, so lebendige Workshops würde ich mir häufiger wünschen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: