Dein Freund und Hindernis

Ich habe schon einen Karton beiseite gelegt, damit ich Madame M. Versorgungspakete schicken kann, wenn die Polizei sie demnächst wegen ungebührlichen Verhaltens festnimmt. Ich kann verstehen, warum man an den Checkpoints in Rage gerät, aber das ist natürlich auch riskant. Als wir neulich gemeinsam unterwegs waren, sind diese beiden Welten schon einmal aufeinandergetroffen. Der Polizist war unzufrieden, dass er den Pass nur sehen aber nicht anfassen durfte und wollte partout die Beifahrertür nicht wieder schließen. Er zog sich erst zurück, als Madame M. drohte, sie werde aussteigen und dann wie eine Furie ums Auto herum auf ihn zukam. Derweil versuchte ich so zu tun, als sei ich gar nicht da und war sehr erleichtert, als wir schließlich weiterfahren konnten.

Helfer oder Hindernis?

„Gut, dass du heute nicht dabei warst,“ erzählt sie mir in einem Ton, der nichts Gutes verheißt. „Der Polizist am Checkpoint hat sich vorhin so ins Auto reingelehnt und war so aufdringlich, dass ich ihm die Mütze über die Augen gezogen habe. Einfach am Schirm gepackt … Mann, Ali hat mir danach gesagt: ‚Bist du verrückt, dafür kannst du ins Gefängnis kommen! Auf Polizistenanfassen stehen sechs Monate!'“ Ich schaudere angesichts der möglichen Konsequenzen, aber insgeheim amüsiere ich mich natürlich, wenn ich mir das Gesicht dieses Polizisten vorstelle.

Als wir an die Kreuzung kommen, ist der Verkehr flüssig. Jedenfalls bis der Polizist genau vor unserer Nase beschließt seine Sonnenbrille zu putzen. Behäbig stellt er sich dafür mitten in den Verkehr. Es ist ein kleiner, dicker, älterer Mann, und als er die verspiegelte Sonnenbrille abnimmt, kommen kräftig mit Kajal umrandete Augen zum Vorschein. Der Verkehr kommt zum Erliegen, Scheiben werden heruntergekurbelt und viele Augenpaare verfolgen, wie der gute Mann die ohnehin schon blanken Gläser mit seinen weißen Handschuhen bearbeitet. Der Fahrer will hupen, aber überlegt es sich doch anders. Mr. E. hat nämlich neulich gehupt. Da stand er an einem Checkpoint. Das Auto vor ihm war längst abgefertigt, aber der Polizist stand mit dem Rücken zu ihm mitten auf der Straße. Mr. E.s Versuch sich bemerkbar zu machen, beschwor den Zorn des Polizisten herauf. Nachdem sie ihn gründlich gefilzt hatten, rief der Polizist seinem Kollegen zu, er solle das Messer bringen, um doch auch mal in den Sitzen nachzuschauen. „Ich habe ihm gesagt: ‚Hör zu, du bist Polizist, ich bin Lehrer, ich unterrichte auch das afghanische Militär – das gibt nur Ärger.‘ Dann hat er davon abgesehen.“

Die Kreuzung ist mittlerweile völlig verstopft. Mit wichtigtuerischer Geste setzt der Polizist seine Sonnenbrille wieder auf. Er wedelt, als wolle er die anderen Autos verscheuchen, und winkt dem zehn Meter entfernt feststeckenden Polizeiauto, zu ihm zu kommen. Gegen die Fahrtrichtung und schließlich über den Bürgersteig quetscht es sich zu ihm durch. Nach zwanzig Minuten können wir endlich weiterfahren.

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Eine Antwort to “Dein Freund und Hindernis”

  1. Fährfrau Says:

    Herrje, das kommt davon! Polizeiaufbauhilfe Afghanistan – wir haben wohl die sprichwörtliche deutsche Reinlichkeit nach Afghanistan eingeschleppt, und nun werden Sonnenbrillen geputzt, was das Zeug hält. Schminkkurs auch noch inklusive.
    Aber bei der Vorstellung der über die Augen gezogenen Mütze könnte ich mich kringeln vor Lachen, aller Gefahr zum Trotz. Das gibt’s doch sonst nur im Film!

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