Himmel zu Hölle

Der größte Stand bei der Bildungsmesse im Rahmen der „Global Education“-Veranstaltung wird von der afghanischen Armee eingenommen. Stolz zeigt uns ein Soldat, mit welchen Büchern das Verteidigungsministerium versucht, den Analphabetismus in den Reihen der Soldaten zu bekämpfen. In der eigentlichen Halle werden Reden gehalten. Es ist gut besucht, aber außer mir erblicke ich nur eine weitere Ausländerin. Der stellvertretende Bildungsminister zieht Vergleiche zwischen den Ausgaben, die in Afghanistan pro Schüler getätigt werden (2200 Afghani, also etwa 35 Euro pro Schuljahr) und anderen Ländern. Die Vergleichsobjekte sind amibtioniert gewählt. Ob ihrer Vielzahl entgehen mir und den meisten anderen Zuhörern die Zahlen. Die Botschaft aber bleibt: Afghanistan schneidet jämmerlich ab, und das, obwohl ein Großteil der afghanischen Kinder immer noch nicht zur Schule geht und weitere in Privatinitiative unterrichtet werden.

Als nächstes hält Haji Mohammed Mohaqiq, Abgeordneter und ehemaliges Regierungsmitglied, eine Rede über das Recht muslimischer Männer und Frauen, an Bildung teilzuhaben. Doch nicht nur das Recht hätten sie, sondern auch die Pflicht sich zu bilden. Ob diese Bildung durch Muslime oder Nichtmuslime komme, sei ganz egal, schließlich habe der Prophet – Gott hab ihn selig – selbst gesagt ‚und wenn ihr nach China gehen müsst, um die Weisheit zu finden, müsst ihr das eben tun‘. Noch lieber wäre es Haji Mohaqiq, wenn die Bildung stattdessen nach Afghanistan käme, denn auch er unterstreicht, wieviel zusätzliche Mittel notwendig seien, um das zu finanzieren.

Der Herr auf dem Stuhl neben mir hat sich die ganze Zeit auf eine Weise Notizen gemacht, bei der man die spitze Feder geradezu sieht. Es handelt sich um Ramazan Bashardost, Parlamentarier und ehemaligen Präsidentschaftskandidaten, der es bei den Wahlen 2009 auf 10% gebracht hat – ohne, wie die beiden Spitzenreiter und die meisten anderen Kandidaten, Stimmen zu fälschen. Bashardost ist bekannt wie ein bunter Hund. Er ist der einzige afghanische Politiker, der mit dem Fahrrad fährt. Während Präsident Karzai und Dr. Abdullah ihren Wahlkampf mit Hubschraubern der Regierung bestritten haben und doch vor dem Besuch vieler Landesteile zurückgeschreckt sind, hat Bashardost 32 der 34 Provinzen in einem schäbigen Corolla abgeklappert. Wenn es nach ihm ginge, wären die ausländischen Truppen längst draußen. Je nach Tagesform wettert er ebenso wütend gegen Nichtregierungsorganisationen – oder bittet eben selbige, seine Wahlkampagne zu unterstützen.

Kaum hat Mohaqiq ausgeredet, springt Bashardost auf, und tatsächlich wird ihm das Wort erteilt. „Wenn man sich diesen Wettbewerb der Reden anhört,“ hebt er an, „wird Afghanistan Platz 3, 2 und 1 bekommen! Und zwar in der Disziplin ‚Beklagen‘! Soviel Geld ist schon hierher geflossen, und trotzdem haben wir den Aufbau des Bildungssystems nicht in den Griff bekommen.“ Er wird von Klatschen unterbrochen. „Schaut euch das an, Herr Karzai und unsere afghanischen Minister: Sie haben mehr Landcruiser und Besitztümer als Barack Obama oder der japanische Präsident! Und für all das zahlen die Bürger in Amerika, in Frankreich, in Deutschland, in Polen und vielen anderen Ländern Steuern! Warum nimmt unsere Regierung nur und gibt nicht?“ Unter wohlmeinendem Gemurmel des Publikums konstatiert Bashardost: „Wenn man der afghanischen Regierung den Himmel überließe, dann würde sie es schaffen, ihn in die Hölle zu verwandeln!“ Der Saal tobt, und Bashardost verlässt hocherhobenen Hauptes die Bühne.

Draußen sehen wir ein seltsames kleines Auto, lackiert in den afghanischen Nationalfarben und mit Wimpeln an der Stoßstange. Mr. M. erzählt im Büro, Bashardost sei jetzt reich geworden: „Er hat jetzt sogar ein Auto!“ Sie wissen sofort, in welchen Farben es dekoriert ist, denn das ist Bashardosts Markenzeichen. Ich zeige ihnen das Foto. Sie brechen in lautes Gelächter aus und schauen sich von der Seite an. „Es ist ein kleiner Suzuki,“ versucht mir einer von ihnen auf die Sprünge zu helfen. Ich verstehe trotzdem nicht, was daran so witzig ist. Schließlich erbarmt sich die Grazie: „Diese Autos gibt es in Afghanistan normalerweise nicht … die werden in Pakistan geklaut und tauchen dann hier wieder auf.“

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3 Antworten to “Himmel zu Hölle”

  1. Fährfrau Says:

    Vielleicht will Ströbele ja wegen der starken Fahrrad-Konkurrenz nicht nach Afghanistan? 😉
    Ist denn Bashardost jetzt eher ein Sympathieträger oder nicht? Er scheint mir vernünftige Dinge zu sagen, aber auch ein ganz klein wenig zur Polemik zu neigen …

    • andromeda8 Says:

      Schwierig zu sagen – er ist ganz klar ein Populist und, wie Du auch schreibst, ein Polemiker. Außerdem ist er natürlich in der luxuriösen Position, fordern zu können, ohne dass er etwas umsetzen muss. Ich schätze ihn trotzdem, weil er Mut hat, weil er zeigt, wie man auch ohne Geld allerhand erreichen kann, und weil er Schwung in die Sache bringt.

  2. smartfortwo Says:

    Vielleicht bekommt er ja noch eine Gelegenheit zu gezieltem Regierungshandeln.
    Um gehört zu werden, ist bei Außenseitern immer Polemik notwendig, damit ihnen überhaupt mal jemand zuhört.

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