Verdacht auf Verderbnis

Am Straßenrand stehen große Werbetafeln, auf denen in einer Bilderserie dargestellt ist, wie für eine Dienstleistung Schmiergeld gezahlt wird. „Wähl 119!“ heißt es im Begleittext. Die Hotline 119 ist im Dezember vom Innenministerium eingerichtet worden und ist Teil des afghanischen Programms, um die blühende Korruption zu bekämpfen. Afghanistan gilt als das fünftärmste Land der Welt. Auf Transparency Internationals Wahrnehmungsindex für Korruption ist es im vergangenen Jahr um zwei Plätze abgerutscht und belegt nun den vorletzten Rang. Danach kommt nur noch Somalia.

Bei unseren Versuchen, ein neues Auto fürs Büro anzumelden, waren wir positiv überrascht, dass uns an keiner Stelle Geld dafür abverlangt wurde. Wir stellten aber auch fest, dass das nicht selbstverständlich ist: „Der Polizist, der dieses Dokument eigentlich hätte behalten sollen,“ sagt Mr. E., während er mit einem knittrigen Brief wedelt, „hat gesagt, ich sollte es besser wieder mitnehmen. Sonst würde er es morgen vielleicht nicht … wiederfinden.“ Auf seinem Tisch habe ein ganzer Stapel dieser Schreiben gelegen. Die langjährige Erfahrung im Umgang mit Behörden hat meine Mitarbeiter gelehrt, wie diese Stapel funktionieren:  „Jedes neue Schreiben kommt ganz nach unten. Dann hängt es davon ab, wie viel man zahlt – je mehr, desto schneller rückt es nach oben.“

Ich frage meine afghanischen Kollegen, was sie über die Korruptionshotline denken. Würden sie in Betracht ziehen, diese anzurufen, wenn unser Auto-Meldeprozess doch irgendwo ins  Stocken geriete? Sie schauen mich seitlich an und schütteln die Köpfe: „Das wäre, wie bei einem Verbrechen die Polizei zu rufen. Man würde sich nur Probleme einhandeln, und als allererstes würde man selbst in Verdacht geraten.“ Sie nennen keine Beispiele, aber die Überzeugung sitzt tief.

Sichtbarer und gleichzeitig erratischer führt die afghanische Regierung derzeit noch einen anderen Kampf gegen die Übel der Gesellschaft. Vor kurzem hat es Razzien in drei Restaurants gegeben, bei denen Personal verhaftet und Alkohol konfisziert wurde. Warum es von all den Orten in Kabul genau diese getroffen hat, obwohl sie über eine Ausschanklizenz und Kontakte in die höchsten Kreise verfügten, ist unklar. „Wenn die Regierung grundsätzlich gegen Alkohol vorgehen wollte, wäre es viel sinnvoller, die Versorgungsrouten zu kontrollieren,“ meint ein Kollege.

Ebenso scheint vermeintliche Prostitution ganz oben auf die Prioritätenliste gerückt zu sein. So hat der Innenminister angeblich eine Anordnung erlassen, der zufolge Frauen nicht mehr alleine oder in rein weiblichen Gruppen in Restaurants dürfen, sondern nur noch in männlicher Begleitung.

Seit dem 17. April sollen die Internetprovider zudem den Zugriff auf Seiten mit unsittlichen Inhalten blockieren. Das verhindert nicht, dass ich beim Abrufen meiner Emails weiterhin Werbung für „Polygamic Islamic Marriages“ angezeigt bekomme. Als unsere Freundin Lady Magnolia jedoch in einem Café versucht, ihren Blog zu öffnen, der bar jeder verfänglichen Worte ist, blinkt stattdessen eine Mitteilung des Ministeriums für Telekommunikation auf:

„The World Wide Web offers us great opportunities to get and share information and to communicate. However, it is imperative that when making use of this technology for its enormous benefits, we respect the moral, social and cultural values of the Islamic Republic of Afghanistan. ATLAS Afghanistan will be blocking all content that is not in line with these values, effective from 17 April 2010.“

Sie könnte per Mail beantragen, dass ihre Seite wieder freigegeben wird. Dass jedoch ausgerechnet ihre moralisch einwandfreie Seite überhaupt auf den Radar gerückt ist, erweckt den Eindruck, dass sich das staatliche Zensuransinnen nicht auf den Kampf gegen den Sittenverfall beschränkt.

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