Die Kunst des rückwirkenden Glücksspiels

Die Offensive gegen die Unmoral nimmt Form an. Seit dem 17. April ist ein Gesetz zur Internet-Zensur in Kraft, das den Zugriff auf Seiten blockiert, auf denen es um Prostitution, Glücksspiel, Alkohol und andere unsittliche Themen geht. Nach und nach setzen die Internet-Provider dies um. So haben wir auch im Büro dieses Wochenende einen Anruf unseres Providers erhalten, der dies ankündigte. Einer Liste von Begriffen folgend würden jetzt bestimmte Seiten nicht mehr abrufbar sein, teilte man uns mit. In der Tat, der Blog von Minka Nijhuis, den ich von hier aus immer problemlos abrufen konnte, ist jetzt gesperrt. Der Meldung des Anbieters nach geht es um die gesamte Blog-Seite www.blogspot.com.

Ich frage mein Team, ob sie schon auf ähnliche Probleme gestoßen sind. Mr. A. nickt geknickt: „Bundesliga,“ murmelt der passionierte Fußballfan, „alle anderen Fußballverbände sind zugänglich, aber ausgerechnet die Deutschen …“ Ich bin verdutzt. „Naja,“ schränkt Mr. A. ein, „die alten Seiten kann man aufrufen, aber die aktuellen nicht. Sogar wenn man 2008/2009 anklickt, erscheint eine Nachricht, dass es wegen ‚Gambling‘, Glücksspiel, verboten ist.“ Hier findet zwar manches zeitverzögert statt, aber die Annahme, dass man auf eine vergangene Saison Wetten abschließen könnte, ist selbst für afghanische Verhältnisse absurd.

Unser Rechtsanwalt wiegt den Kopf, als ich mich über die Zensur empöre. „Diesbezüglich müsste man wissen, ob es bei der Zensur um Unmoral geht, oder darum, politische Inhalte zu beschränken.“ Er sieht zwar, dass staatliche Kontrolle über Internet-Seiten leicht missbraucht werden kann, um bürgerliche Freiheiten einzuschränken. Ansich aber findet er das Ansinnen, gegen unmoralische Bilder vorzugehen, nicht so schlecht. „Selbst wenn wir Cricket aus Indien schauen, werden vorher diese traditionellen indischen Tänze übertragen, mit Frauen. Das ist mir ja schon unangenehm, wenn das nicht zensiert wird.“ Ich gebe zu Bedenken, dass niemand gezwungen wird, sich das anzuschauen. „Noch viel weniger beim Internet. Da wählt man ja auch noch selbst aus, welche Seiten man anklickt.“ Wir einigen uns darauf, zu beobachten, bei welchen normalen Seiten wir Probleme haben.

Ich erzähle, dass ich beim Öffnen meines Email-Accounts nach wie vor die Werbeanzeigen für ‚totally halal chicks‘ erhalte.  Mr. E. wirft ein, wenn schon, dann müsse man des Namens wegen eigentlich auch Hotmail sperren. „Warte nur ab,“ sage ich zu Mr. A., „bei deiner Filmleidenschaft würde ich mir schnell noch die Seiten von ‚Die nackte Kanone‘ oder ‚Ein unmoralisches Angebot‘ anschauen, ehe auch das gesperrt ist.“

Am nächsten Tag zeigt er mir, dass die Seiten dieser Filme noch abrufbar sind. „Aber guck mal hier, ’nudity‘ geht eigentlich nicht. Wenn man es so eingibt, kommt gleich die Warnmeldung … aber wenn man sich nur lange genug durchklickt, kommt man doch hin.“ – „Wie hast du das rausgefunden?“ frage ich ihn. Er zuckt mit einem leisen Lächeln die Schultern und deutet auf ein anderes Fenster –   den Wikipedia-Beitrag zu ‚Showgirls‘: „Siehst du, in dem Artikel kommt alles vor, was verboten ist. Habe ich alles ausprobiert, und das meiste geht nicht. Aber wenn man hier das wählt und dann das …“ Er ist überzeugt, dass der Bann die Leute provozieren wird, sich genau auf die verbotenen Seiten Schleichwege zu suchen: „Es ist wie in einer Bibliothek – alles ist vorhanden, aber jeder entscheidet, was er liest. Sobald etwas Indiziertes dabei ist, weckt das den Drang zu schauen, wie weit man gehen kann.“

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