Selektives Grüßen

Endlich, nach Monaten, haben wir es geschafft, ein neues Auto fürs Büro zu kaufen.Wir müssen es natürlich gleich ausprobieren und mit drei meiner afghanischen Mitarbeiter fahre ich zum schönsten Park Kabuls, Babur’s Garden. Dort läuft gerade eine Ausstellung, in der Afghanistanbilder 1830 bis 1920 gezeigt werden. Der Mitarbeiter aus dem Süden des Landes amüsiert sich über die Darstellungen von Kandahar: „Siehst du das hier? Zitadelle, Grabmal, Markt … das gibt es alles, aber die Anordnung stimmt nicht. Auch bei den Bergen ist die Phantasie ganz schön mit den Malern durchgegangen. Und erkennst du das Grabmal?“ – „Wie sollte ich, du weißt doch, dass ich noch nie in Kandahar war.“ – „Trotzdem hast du es oft gesehen,“ sagt Mr. A. und zückt einen 1000-Afghani-Schein. Von den Euro-Scheinen war ich so gewohnt, dass keine konkreten Bauwerke darauf sind, dass ich dem keine Beachtung geschenkt hatte. Auf dem 500er ist die Zitadelle von Herat, und auf dem 100er ein Bogen aus Lashar Gah. „Kann zwar niemand mehr besuchen, aber so sieht es wenigstens der Rest des Landes.“

Einer der Kollegen empört sich über die allgegenwärtigen Turbane auf den Bildern der Ausstellung: „Wenn ich das schon sehe! Alle, die mein Land ins Unglück gestürzt haben, tragen Turbane.“ Bei den Fotos deute ich auf die Fellhut-Träger zwischen den Turbanen: „Wenn du wählen müsstest, sind die besser?“ – „Noch schlimmer! Für diese Hüte sind auch noch Tiere gestorben!“

Wir streifen über die wunderschön mit Rosen, Orchideen und Obstbäumen bepflanzten Hänge des Parks. Unten gibt es einige Tee-, Saft- und Imbissstände. „Du bist schon anderthalb Jahre hier und hast nie die Spezialität von Kichererbsen und Kartoffeln in Essig probiert? Dann wird es aber Zeit! Aber vielleicht solltest du tatsächlich nur kosten, die hygienischen Verhältnisse … unsere Mägen machen ja alles mit, aber wir wollen nicht, dass es dir danach schlecht geht.“ Ich wickle mich fester in mein Tuch. „Fühlst du dich wohl?“ fragen meine Mitarbeiter. Ich zucke die Schultern und sage, es sei schon in Ordnung. Alleine würde ich hier nicht so herumlaufen, aber in Begleitung von drei männlichen Afghanen spüre ich zwar die Blicke der anderen, werde aber nicht angesprochen.

„Hast du eben ‚Salam‘ zu den Schuljungen gesagt?“ fragt Mr. A. Ich verneine. „Noch schlimmer, dann war ich das.“ sagt er. „Wieso,“ erkundige ich mich, „haben sie sich nicht gut benommen?“- „Doch, sie schon. Aber der Saftverkäufer hat es gehört, und er hat gemeckertt ‚Salam, was denn bitte schön für ein Salam, wir sind Muslime und das da sind Ungläubige!'“ Wir beugen uns vor, um den betreffenden Verkäufer in Augenschein zu nehmen. Nach einer Weile, in der wir stumm unsere Kichererbsen löffeln, knurrt Mr. A., sonst die Ruhe in Person: „Ich gehe gleich mal rüber und frage ‚Hallo  H E R R  M O S L E M, wie geht es ihnen?“

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