Auf den Kopf gestellt

Als ich  zum Mittagessen hinzustoße, ist eine hitzige Diskussion auf Dari im Gange. „Es heißt, ein Gesetz sei in Arbeit, dass Frauen nicht mehr in Büros arbeiten dürfen. Kannst du dir das vorstellen?“ werde ich gefragt. Ehe ich noch etwas sagen kann, sagt Mr. M. mit einem Seitenblick auf die einzige anwesende afghanische Kollegin: „Es wird uns leid tun, wenn wir dann ohne sie auskommen müssen.“ Sein Blick und Ton sind absolut ernst. Nach einem Moment der Stille, sage ich eisig, wir müssten uns keine Sorgen machen, wie wir ohne sie auskommen, denn wenn ein solches Gesetz erlassen würde, wäre unsere Organisation hundertprozentig nicht mehr in diesem Land vertreten.

Mr. M. setzt nach: „Aber sie kann dann einfach eine „Ehe auf Zeit“ eingehen, und mit ihrem Mahram ins Büro kommen.“ Die „Ehe auf Zeit“, Sigha, ist ein Konzept des schiitischen Islams, ein Mahram ist ein männlicher Verwandter oder Ehemann, der sozusagen die Anstandsdame macht. Die Grazie erblasst ob dieser groben Beleidigung. Die Spannung am Tisch ist geradzu körperlich spürbar. Am Tisch sitzen zwei Schiiten und zwei Sunniten – darunter die Grazie – und liefern sich einen heftigen Schlagabtausch auf Dari.

Keiner will mir übersetzen, was gesagt wurde. Ich springe der Grazie bei und versuche, die Stimmung mit einem Scherz aufzulockern. Das gelingt  für einen Moment, bis sich einer der Schiiten daran macht, mir die Vorzüge der Ehe auf Zeit zu erläutern: „Es ist ein Konzept zum Schutz der Frauen, wenn sie kurzfristige Beziehungen haben. Wenn sie eine Ehe auf Zeit eingehen, dann ist der Mann in der Zeit für ihren Unterhalt zuständig, und wenn daraus ein Kind hervorgeht, auch.“ Die Grazie faucht: „Schutz der Frauen? Das ist doch nur zu eurem eigenen Schutz, damit ihr machen könnt, was ihr wollt.“ Ich lüpfe eine Augenbraue: „Selbst wenn das mal die Intention war – fallen dir Beispiele ein, in denen das tatsächlich im Sinne der Frauen angewandt wird? In den meisten Fällen dient es doch nur, um Prostitution zu legitimieren.“ – Mr. M. ist schockiert: „Ach Quatsch! Eine Ehe auf Zeit ist keine Prostitution! Die muss mindestens drei Monate dauern!“ Das schließt sich aus meiner Sicht nicht aus. Mr. M. beharrt dennoch darauf, dass Sigha ein einwandfreies moralisches islamisches Konzept ist. Zu empfehlen übrigens auch für die Pilgerfahrt nach Mekka, meint er, denn auch da sei ja sonst die Ehre der Frau in Gefahr.

All das ist für Frauen in Afghanistan weiterhin schwierig. Ohne Ehe wird ihre Ehre angezweifelt und gerade bei arbeitenden Frauen hartnäckig behauptet, in den Büros werde eigentlich nur Prostitution getrieben. In einer Ehe sind sie ihrem Ehemann völlig ausgeliefert. Mr. M. ist der Meinung, die Sigha könne ja auch ohne Geschlechtsverkehr geschlossen werden. Ob er der Meinung sei, ein afghanischer Richter würde „Vergewaltigung in der Ehe“ als eine Straftat ansehen? Mr. M., von Haus aus Jurist, entzieht sich dieser Frage und bestätigt noch einmal, dass er es für ein gutes Konzept hält. Wenn allerdings seiner Schwester eine Ehe auf Zeit eingehen wolle, der würde er das verbieten. Die Grazie verlässt schnaubend den Raum, nicht ohne noch eine spitze Bemerkung zu dieser Einstellung fallen zu lassen. Der andere schiitische Kollege, der schon die ganze Zeit etwas stiller da sitzt, schüttelt langsam den Kopf: „Je mehr ich drüber nachdenke, desto weniger akzeptabel erscheint mir das. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie es wäre, wenn in meiner Familie jemand so was machen würde.“

„Wenn du es bei deiner Schwester nicht gut fändest, denk doch noch mal darüber nach, wie gut die Idee tatsächlich ist,“ fordere ich Mr. M. auf. „Sei’s drum,“ ruft er, „wenigstens ist das dann ‚ehrbare Prostitution‘.“

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Eine Antwort to “Auf den Kopf gestellt”

  1. Fährfrau Says:

    Zum Haareraufen – aber die Diskussion ist umso wertvoller. Auch muss ich an eine Afghanistan-Veranstaltng letzte Woche denken, bei der jemand auf die These, der Westen müsse vielleicht bereit sein, in Afghanistan auf seine Menschenrechtsvorstellungen zu verzichten, die Frage einwarf, warum man eigentlich immer glaube, die Afghanen forderten nicht auch selbst dieselben Menschenrechte ein.
    Hier zeigt sich aber wohl einmal mehr eine extrem gespaltene Gesellschaft.

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