Unglaubliche Ungläubige

Als wäre Afghanistan nicht mit Erdbeben und Flugzeugabstüren, Militäroperationen und Aufständischen schon genug geschlagen, erfährt es jetzt eine neue Heimsuchung: Übertritte zum Christentum. Das zumindest hat der Fernsehsender Noorin TV festgestellt. In einem Video zeigt er Afghanen, die darum bitten, dass ihnen der Weg zu Jesus gewiesen werde und die, wie die Tageszeitung Daily Outlook schreibt,  ein „heiliges Bad“ nehmen. „Ich habe den Bericht selbst nicht gesehen, vielleicht wird er heute noch mal wiederholt,“ sagt meine Kollegin. Ich frage sie, ob sie darauf achten könnte, woran man sieht, dass die im Film gezeigten echt sind – und dass sie vorher tatsächlich Muslime waren.

Sie deutet auf einen Artikel in der Zeitung: „Hier steht, dass Afghanen wahrscheinlich aufgrund von Armut, Hunger und Arbeitslosigkeit zum Christentum übertreten würden.“ Normalerweise versuchen Afghanen uns glaubhaft zu machen, dass das die Gründe seien, warum  Leute zu Taliban-Anhängern werden. Eine interessante Kombination. Nein, nein, das würde ich falsch verstehen, wird mir erklärt: „Diejenigen, die deswegen zum Christentum konvertieren, hoffen dadurch Asyl in Europa zu finden, denn dann können sie sagen, dass sie hier verfolgt sind.“

Ich habe noch nicht von größeren christlichen Flüchtlingsströmen aus Afghanistan in den Westen gehört, die mit dieser Argumentation Schutz suchen. Ein Massenphänomen kann es folglich nicht sein, und obwohl ich immer wieder von einem Kebab-Laden im Stadtzentrum höre, in dem Koreaner nicht nur Fleisch grillen, sondern den Afghanen vom Schmoren in der Hölle erzählen, kann ich mir nicht recht vorstellen, wie das praktisch funktionieren soll. Für die meisten Afghanen ist jedoch die Frage, wie wichtig dieses Phänomen ist, völlig irrelevant. Die Grazie deutet auf eine weitere Textpassage: „Parlamentarier haben gesagt, dass derjenige, der konvertiert, ein „Murtad“ ist und man ihn töten kann.“ – „Wenn das jedem anheim gestellt ist, dann heißt das aber doch auch, es gibt kein Verfahren.“ Wieder einmal bekomme ich Zweifel daran, wie rechtsstaatlich und demokratisch das wird, dessen Aufbau wir hier unterstützen.

Auch die Studenten der Kabul Universität haben sich dieses Falls angenommen, aber protestieren gleich gegen eine ganze Bandbreite von Themen. Obwohl Missionierung  im Judentum nicht vorgesehen ist, wird das vorsichtshalber in die Liste mit aufgenommen: „Tod Amerika, Tod den Christen, Tod den Juden, Tod allen Alliierten von Amerika“ lautet die Botschaft, mit der die geistige Elite Afghanistans sich auf einer Demonstration an der Uni gegen die angeblichen oder tatsächlichen Missionare verwahrt.

Die Regierung freut sich, dass es ein weiteres Thema gibt, das von den tatsächlichen politischen Herausforderungen ablenkt. Vielleicht könnte sie vom Vatikan Geld bekommen, wenn sie droht, sonst würden hier alle zum Christentum konvertieren.

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