Das Auge wählt mit

Gewagt

Gewagt

Man weiß nicht genau wann, aber irgendwann, vielleicht im September, soll ein neues Parlament gewählt werden. Der Wahlkampf ist in Kabul nicht mehr zu übersehen. Hier stellen sich über 600 Kandidaten zur Wahl. Da es keine Parteien gibt, ist jede(r) ein Einzelkämpfer, und für die Wähler bleibt die Kandidatenflut unüberschaubar. Man hat den Kandidaten jeweils Nummern und Symbole zugewiesen, um die Wahl auch für die große Anzahl von Analphabeten zu vereinfachen.

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Allerdings wird es natürlich umso schwieriger mit Symbolen, je mehr benötigt werden. Statt ein, zwei Badmintonschlägern oder Hufeisen drängen sich bei einem drei schicke, schwarzglänzende Laptops, bei einem anderen vier Radios im Symbolfeld. Nur den berühmten Fleischwolf haben wir bislang nicht wieder gesehen. Die drei Afghanen im Auto kringeln sich, als sie das Plakat von Kandidat 407 sehen: „Kaku-jan Niazi, ich glaub es nicht, wie kann er denn diesen Namen auf ein Plakat schreiben?“ – „Vielleicht hofft er, dass viele Wähler aus Kandahar in Kabul sind und für ihn stimmen.“ Sie lachen und sie winden sich, bevor sie mir erklären, dass ‚Kaku‘ eine landläufige Bezeichnung für Homosexuelle ist, mit der man automatisch Kandaharis assoziiere. „Alle kennen diesen Begriff, schon von klein auf. Bei euch ist das ja alles viel offener … aber würde man sich in Berlin auf einem Wahlplakat als  „kleiner schwuler Niazi“ anpreisen?“ fragt ein afghanischer Freund.

So unschuldig die Plakate insgesamt auch sind, man merkt den Unterschied zu Gesellschaften, die Bilder gewöhnter sind. Meine Kollegin deutet auf eines der Plakate: „Bei dieser Kandidatin war ich mir erst nicht sicher, ob sie nicht eigentlich für ‚Afghanistan sucht das Supermodel‘ antritt. So geschminkt! Es gab mal eine Kandidatin, die hatte sich für ihr Bild noch nicht mal gekämmt, das muss ja nun auch nicht sein. Wir sagen: ‚Nicht zu wenig Salz, nicht zuviel.‘  Was bei der anderen zu wenig war, das hat sie definitiv zu viel.“ Der 22jährige Computer-Experte, der gerade zu Besuch ist, wirft einen Blick auf das Wahlplakat und bekommt rote Ohren: „Also, die Jungs stimmen garantiert für die.“ Meine Mitarbeiter erinnern sich noch bestens an eine ganz junge Kandidatin bei den vorherigen Wahlen: „Bei ihr … naja, auf den Wahlplakaten sah sie auch umwerfend aus. Viele Studenten haben sich sogar welche für zu Hause geklaut. Dann hat einer von meinen Freunden sie mal getroffen, und war enttäuscht, dass sie gar nicht so schön war.“

Eine andere Kandidatin hält sich im wahrsten Sinne des Wortes bedeckt. Auf ihrem Plakat sieht man einige schemenhafte Frauen in Burkas im Hintergrund, der Vordergrund wird von ihrem Symbol, der Birne, dominiert. Ganz anders der männliche Kandidat, der den Apfel hat. Er hat gleich zwei Plakate von sich anfertigen lassen, eins als Businessman und eins als Traditionalist.

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Eine Antwort to “Das Auge wählt mit”

  1. RevolutionaryGirl Says:

    Ja, mein Onkel hat mir von dieser Kandidatin aus den Wahlen 2005 berichtet und vorgeschwärmt, als ich sie aber getroffen habe, war ich auch sehr enttäuscht!

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