Wie ein Fisch mit Fahrrad

Männer hängen aus den Autofenstern, ein Fahrer landet fast im Graben, weil er einem abrupt stehengebliebenen Minibus ausweichen will. „Husch, husch, fahrt weiter,“ fauche ich die johlenden Herren an und wedele ungeduldig mit der Hand. Ein alter Mann, der im Eingang eines Ladens auf der Türschwelle sitzt, nimmt sein weißes Hütchen ab und reibt sich die Augen, „Khobesh nest, khobesh nest,“  murmelt er: „Das ist nicht gut.“

Ich bin mit dem Fahrrad eine Gefahr für den Straßenverkehr, und das, obwohl ich es nur schiebe. Hinter mir höre ich eine Traube kleiner Jungs über die Ausländerin mit dem Fahrrad beratschlagen: „Guck mal, die Pedale ist kaputt.“ Treuherzig schiebt sich einer neben mich. „Komm, da vorne kannst du es heil machen lassen,“ sagt er. Der Fahrradladenbesitzer nickt bedächtig. „60 Afs kostet eine neue. Oder willst du eine gebrauchte?“ Verstaubt im Schafenster ruht genau eine gebrauchte Pedale. „Sie ist sehr schön,“ wirbt der Verkäufer, „und rot, die gibt es nicht oft.“ Ich entscheide mich trotzdem für die neue.

Während er das Fahrrad in den Laden wuchtet, stößt er sich das Kinn am Sattel. Er ist etwa so groß wie ich. „Der Sattel ist doch viel zu hoch! Das mach ich auch gleich,“ bietet er an. Ich lache, nein, das sei das Fahrrad meines Mannes. Verschmitzt weist er auf das Kinderfahrrad, das auch dort steht: „Willst du das  haben?“ – „Das ist ja ganz neu,“ sage ich bewundernd, „sehr schön!“ Der Junge, dem es augenscheinlich gehört, bekommt große Augen: „Aber das ist doch meins!“ sagt er erschrocken. Ich genieße seinen Schreck für einen Moment, aber schüttele dann den Kopf. „Beshaak!“ sage ich, was wörtlich „ohne Zweifel“ heißt. Wenn jemand etwas neu hat, so habe ich neulich gelernt, sollte man immer das sagen, oder „Glückwunsch“. Tut man das nicht, entstehe der Eindruck, man sei neidisch.“Im Ausland fahren die Frauen Fahrrad,“ erklärt ihm der Ladeninhaber, „aber die Menschen in Afghanistan …“ bedauernd zuckt er die Schultern.

Als ich herauskomme, drängt sich die Belegschaft der gegenüberliegenden Metzgerei zwischen den auf den Bürgersteig herabhängenden Tierkadavern: „He! Woher hast du das? Ist das ein Geschenk für mich?“ fragt einer, der sich besonders cool findet. Ich deute auf die tote Kuh, an der er sich festhält. „Krieg ich dann die als Geschenk?“ – „Nein,“ wiehert er. „Was kriege ich dann?“ – „Looooove.“ Ich schiebe weiter und rufe ihm über die Schulter zu: „Das Fahrrad ist besser.“

Advertisements

2 Antworten to “Wie ein Fisch mit Fahrrad”

  1. smartfortwo Says:

    Lieber Fisch mit Fahrrad als Schütze mit Fahrrad!
    Bist du nicht vor Jahren schon mal aufgefallen mit einem Fahrrad ?????

  2. Fährfrau Says:

    Soll er seine Loooooove lieber für die tote Kuh aufheben, auch wenn die wahrscheinlich nicht so dumm war wie der Ochse neben ihr. 😉
    @Smartfortwo: Nö, nö, Andromeda ist bisher in meiner Gegenwart nicht mit einem Fahrrad aufgefallen, sondern eher wegen eines Fahrrads ausfallend geworden. „Boah, klingeln könn’wa auch nicht, oder was?!“ *lol*

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: