Das Wüste lebt

Die Umweltkonferenz findet großen Zuspruch in Kabul. Das Bild wird ein bisschen verzerrt, denn wir können hier nicht wirklich öffentlich tagen. Selbst auf unserer Webseite werben wir nicht für kommende Veranstaltungen, sondern laden nur all diejenigen ein, von denen wir denken, sie könnten Interesse haben – und hoffen, dass sie uns darauf hinweisen, wenn ihnen noch jemand anderes einfällt. Wir haben über 200 Leute eingeladen. Normalerweise kommt etwa die Hälfte. Diesmal jedoch schauen im Laufe des Tages rund 160 Besucher vorbei, fast alles Afghanen, denn das Thema ist hier neu.

Leider ist es das auch für den Dolmetscher. Erst denke ich, die Kopfhörer seien kaputt, so dass bei mir nur alle paar Minuten ein Satz ankommt. Dann aber merke ich, dass er völlig schwimmt. Ich horche auf, als plötzlich die „Untergrundmärkte“ ins Spiel kommen, bis er sich korrigiert: „Grundwasser, meine ich“. Dann orakelt er weiter „Mikrogramm … nein, Wasser!“ Ich höre förmlich die Schweißperlen von seiner Stirn tropfen, aber lustiger ist sein Kollege in der Dolmetscherkabine, der gelegentlich zischt: „Was machst du da eigentlich?“

Er nimmt mir übel, dass ich mich beschwere und kommt in der Pause auf mich zu. „Kann ich dich kurz sprechen?“ fragt er in herrischem Ton. Gleich darauf kommt die weinerliche Stimme zu Einsatz. Ob ich mir überhaupt klar machen würde, wie es sei, in dieser Kabine zu sitzen? Einmal nur solle ich mir verdeutlichen, was für eine schwierige Aufgabe er habe, er verstehe die Leute einfach nicht, und überhaupt, das Thema … Ich merke an, dass ich mit meinem rudimentären Dari mehr verstanden habe, als in seiner englischen Fassung. „Du bist so ernst!“ wirft er mir vor. „Genau,“ sage ich, „das ist auch ernst. Du solltest deinen Job ernst nehmen.“ Er wirft sich in Pose: „Dann GEHE ich, genau JETZT.“ Zum Glück habe ich von Madame M. gelernt  und zucke nur die Achseln: „Wenn du meinst. Es besteht dann auch keine Notwendigkeit, eine Rechnung zu schicken.“ Beleidigt trollt er sich.

Es geht weiter, und wieder versinke ich im Paralleluniversum der Übersetzung. Worum es genau geht, wird mir nicht so klar, aber es regt die Fantasie an, von Warlords zu hören, die sich Mülldeponien unter den Nagel reißen, um dort Häuser zu bauen. In Sherpur, einem Stadteil von Kabul, in dem jeden Tag neue Prunkpaläste fertiggestellt werden, könnte man gar den Eindruck haben, die Müllhalden dazwischen seinen gewünscht, damit die Häuser um so heller strahlen.

Der Redner aus dem Gesundheitsministerium hat das Thema „Auswirkungen des Mülls auf die allgemeine Gesundheit“ offensichtlich etwas spezifischer aufgefasst. Er schwelgt in Erzählungen über die Temperaturen, bei denen Krankenhausmüll entsorgt wird. Dazu zeigt er ein Dia eines kleinen rostigen Mülleimers. Jedes Krankenhaus sei mit einem solchen ausgestattet, und nur befugte Personen hätten Zutritt. Hinter mir prustet die Grazie los: „Hast du das gehört? Er hat gesagt es bestehe ein ‚Vakuum‘ zwischen der Gesetzgebung und ihrer Umsetzung!“

Der Dolmetscher verabschiedet sich mit einem letzten Bonbon: „Desertifikation – die Wüsten breiten sich immer schneller aus in Afghanistan. Wir sollten sicherstellen, dass die Bürger sich nicht darin ergehen … die Wüsten zu zerstören!“

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2 Antworten to “Das Wüste lebt”

  1. RevolutionaryGirl Says:

    Hast du auch mitbekommen, wie er am Anfang die Redner beschimpft hat? Hahahaha…der war echt sauer, hat ihm denn niemand gesagt, worum es gehen wird?

  2. andromeda8 Says:

    Nein, das ist mir entgangen! Was hat er gesagt?

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