Drachen und andere Wunder

Der gespaltene Drachen

Der gespaltene Drachen

Wunder sind ein großes Thema auf der Reise nach Zentralafghanistan. Wir haben bereits das Drachenwunder bestaunt: einen versteinerten Drachen, der von Nase bis Schwanzspitze gespalten ist, aber aus dessen Auge immer noch Wasser rinnt. Der Sage nach hat Imam Ali das Ungeheuer mit einem Schwerthieb zur Strecke gebracht. Das gleiche Schicksal hat noch fünf weitere ihrer Art in Afghanistan hingerafft. Mr. M. hält nichts von solchen Legenden. Er hat eine wissenschaftliche Erklärung für diese Steinformation. Da er schon mal dabei ist, räumt auch gleich mit dem Mythos, dass Imam Ali die Dämme zwischen den sieben Seen geschaffen hat, auf. Hier behauptet der Volksmund, Ali habe unter Einsatz verschiedener Mittel die große Wasserflut eingedämmt. Mein Favorit ist der „Band-e Panir“, der Damm, der durch den gezielten Wurf eines Käses entstanden sein soll. „Nein, nein, das sind nur die Mineralien. Wenn man ein Loch in die Dämme machen würde, würde sich das von selbst wieder zusetzen,“ wiegelt Mr. M. ab.

An einem der Seen ist ein Schrein, bei dem man sich auch selbst ein Wunder bescheren können soll. Wer einen Wunsch hat, kommt mit einem Vorhängeschloss zu diesem Schrein und befestigt es dort. Andere können ausprobieren, ob sie ein Schloss lösen können. Das, so heißt es, funktioniert nur, wenn man daran glaubt und einen Herzenswunsch in sich bewegt, während man sich an den Schlössern zu schaffen macht. Bei mir funktioniert es nicht, aber Mr. M. gelingt es, gleich sieben Schlösser zu lösen. Überzeugt ist er dennoch nicht.

„Ich zeig dir ein Wunder,“ sagt er, und hebt kleine Steine auf. Besser als jeder andere lässt er die Steine über das Wasser springen, und das, obwohl er sich noch nicht einmal auf die besonders flachen konzentriert. Dann greift Saheb I. zu meinem Entsetzen einen faustgroßen Stein und schleudert ihn mit Wucht in Richtung eines am Ufer Schlummernden. Der Stein trifft das Hemd, das über dem Schlafenden in den Sträuchern hängt, so dass es auf ihn herabfällt. Er räkelt sich, dreht sich um und schläft weiter. Wir huschen rasch davon.

Kaum sind wir außer Sichtweite, brechen alle in Gelächter aus. Während ich mir noch ausmale, wie das hätte daneben gehen können, wirft Saheb I. sich in die Brust: „Das beweist, dass es Wunder gibt: Wer nach Band-e Amir reist, wird nicht von einem Stein getroffen,“ stichelt er in Richtung Mr. M. Der wiederum sagt, jetzt sähe er das auch ein: „Eigentlich wollte der Gute im Schatten ruhen, aber die Sonne ist gewandert. In der Hitze war er unruhig und hat sich gewünscht, dass ihn jemand zudeckt … und das Wunder ist geschehen!“

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2 Antworten to “Drachen und andere Wunder”

  1. RevolutionaryGirl Says:

    Die gesamte Reise war voller Wunder! Unser Auto hat direkt vor der einzigen Autowerkstatt in dem gesamten Gebiet einen Platten bekommen, das war auch ein Wunder! 😀

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