Die Kunst des Überlebens

Nicht immer lässt sich leicht entscheiden, welchen der Bedürftigen man etwas geben soll. Man sieht dieser Tage viele Bettler auf den Straßen: Frauen in Burkas kauern inmitten des Verkehrs auf der staubigen Straße, Greise hocken an Straßenecken, abgerissen aussehende Kinder verkaufen Bananenkaugummi und Landkarten, und eines steht immer greinend vor einem der Restaurants. Sein Betteln zu ertragen, ist eine Nervenprobe. Danach kommt die Wut, wenn man sieht, dass die Wächter des Lokals dem Kleinen die Scheine abnehmen. Nachdem ich sie einmal dafür heftig angefahren habe, tun sie es nicht mehr so offensichtlich, aber ich bin sicher, dass das insgeheim so weitergeht.

Eierverkäufer in Herat

Eierverkäufer in Herat

Auf der Straße hört man manch Angesprochenen zischen: „Soll dir doch Gott geben!“ Andere versuchen es pädagogisch: „Du bist ein junger gesunder Mann, reicht deine Kraft denn zu nichts anderem, als uns deine Bettlerschale unter die Nase zu halten?“ Hinters Licht geführt wird jedoch keiner gerne. Eine der Grazien erzählt von einem Jungen, der weinend an einer Ecke gesessen habe, auf dem Schoß eine Palette mit zerbrochenen Eiern. Ein Bekannter habe ihm voller Mitleid etwas gegeben – ihn aber am nächsten Tag wieder genau so dort sitzen sehen. Diese Begegnung war nicht mehr so freundlich.

Obwohl die Kinder mit den angeblich Unheil vertreibenden Räucherbüchsen, wie sie im Roman „Mauertänzer“ verewigt sind, sicherlich zu den Unglücklichsten zählen, habe ich eines gelernt: Ihnen sollte man auf keinen Fall etwas geben, wenn man gerade im Stau steht. Im Handumdrehen ist man von einer ganzen Schar umringt, und egal, wie schnell man die Fenster schließt, gegen diesen Gestank ist kein Kraut gewachsen.

Vor dem Supermarkt versucht eine alte Dame mir ein weißes, perlenbesticktes Hütchen anzudrehen. Der Fahrer wimmelt sie ab: „Sie ist nicht auf dem Weg zur Hochzeit!“ sagt er. „Kommt, übersetzt es ihr,“ beharrt sie. „Nein, nein, das versteht sie schon und sie will es nicht.“

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4 Antworten to “Die Kunst des Überlebens”

  1. Heiner Toenne Says:

    Ja, die Geschichte mit dem Eierkarton kenn ich auch, aus Kabul. Aber ich bin nicht drauf reingefallen,

  2. smartfortwo Says:

    Das Perlenhütchen wird dir schon eines Tages fehlen –
    aber wahrscheinlich ist die alte Dame auf dein jugendliches Aussehen reingefallen…..

  3. RevolutionaryGirl Says:

    der mann an der tür hat mir super leid getan, weißt du noch? der perlenhut war gar nicht so hässlich 😉

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