Islamische Aberglauben

Wochenlang war mein Mitarbeiter in der Provinz verschollen. Er kommt aus Parachinar, den Stammesgebieten, die zwischen Afghanistan und Pakistan liegen. Aus einem kurzen Besuch zum Fest am Ende des Ramadans sind fast drei Wochen geworden, weil die verschiedenen Stämme der  Region seit eben diesem Fest miteinander kämpfen, und Mr. M. feststeckte. Ich bin heilfroh, dass er jetzt nach Kabul geflogen ist, statt den Landweg zu nehmen.

Bereits letztes Mal hatte man ihn und seinen Mitfahrer kurz vor Gardez aus dem Auto gezerrt und nur laufen lassen, weil sie glaubhaft machen konnten, nicht dem Stamm anuzgehören, an dem die Militanten dieses illegalen Checkpoints gerade Rache nehmen wollten.

Als ich ihm zugeredet hatte, zu fliegen statt zu fahren, hatte er abgewiegelt und gesagt, vielleicht probiere er mal eine andere Route. Ich frage, was ihn letztlich überzeugt hat. „Ein befreundeter Mullah ist zu mir gekommen und hat gesagt, er hätte ‚Istikhar‘ gemacht, und ich solle auf keinen Fall über Khost fahren.“ – ‚Istikhar‘ ist eine Art islamischer Beratung bei Entscheidungsfindung: Wenn man Zweifel hat, schlägt eine autorisierte Person den Koran auf, und an dem, was an der entsprechenden Stelle steht, sollte man sich orientieren. „Wenn man zum Beispiel die Seite aufschlägt, auf der gerade die Hölle erläutert wird, dann sollte man besser nicht fahren,“ meint Mr. M. Ich finde, das ähnelt dem Befragen von „Ms. Brontë“, das meine Freundin die Fährfrau und ich aus dem Film „Career Girls“ übernommen haben.

Mr. M. ist über die Intervention des Mullahs nicht erfreut: „Ich habe ihm gesagt, warum tust du das, niemand hat dich um Isdikhar gebeten! Statt das Leben der Leute zu vereinfachen, macht ihr es immer nur komplizierter!“ Egal, ob man selbst daran glaube oder nicht: Wenn man einen so expliziten religiösen Ratschlag bekomme, dann sei es schwerwiegend, sich darüber hinwegzusetzen, weil man sich dabei schlecht fühlen würde.

„Aber, sag mal, letztes Mal, als ihr durch die Provinz Wardak gefahren seid, da gab es doch was ganz ähnliches, aber nicht religiös,“ erinnere ich mich. Er nickt: „Das nennt man ‚Shugun‘. Das ist, wenn man das Haus verlässt, und einen das Kind oder die Familie anbetteln, nicht zu gehen. Auch dann bringt es Unglück und man sollte sich gut überlegen, ob man geht.“ Ich sage: „Bevor du das nächste Mal nach Parachinar aufbrichst, wird dich das ganze Büro beschwören nicht zu fahren.“

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Eine Antwort to “Islamische Aberglauben”

  1. RevolutionaryGirl Says:

    Hahaha, ich wundere mich darüber, dass Mr. M sich an solchen Ratschlägen/ „Shugun“ hält, er scheint mir alles andere als religiös zu sein 🙂

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