Auf der Lauer

Sicherheitskonzepte sind eine Sache für sich. Früher einmal, in einem anderen Land, war die Gefährdung der Landesinteressen durch Spionage ein großes Thema. Der dortige Sicherheitsbeauftragte nahm die jungen, ledigen Mitarbeiterinnen zur Seite. „Wenn sich Ihnen ein junger Mann aus einem Nicht-NATO-Staat … nähert“, so sagte er, dann müsse man ihn informieren. So unbehaglich wie er bei dieser Ankündigung auf dem Stuhl hin- und herrutschte, war die Verlockung groß, nachzufragen, an genau welchem Punkt der Annäherung man ihm bescheid sagen solle.

Während in seiner Vorstellung nur diese so genannten „Romeo-Spione“  auftauchten, fanden wir, dass eine mindestens ebenso große Gefahr von „Lolita-Spioninnen“ ausging, die sich an verheiratete – und damit erpressbarere – Männer heranmachen könnten. Dieser Fall war jedoch im Sicherheitsplan nicht vorgesehen, deswegen blieben die männlichen Mitarbeiter von derlei Belehrungen verschont.

In Kabul geht es eher um physische Gefahren. Hier hat man es nicht nur mit einem Sicherheitsbeauftragten zu tun. Nur manche Freunde und Bekannte dürfen wir in unserem Auto mitnehmen, und auch das nur, wenn wir im Jeep unterwegs sind, denn die meisten haben ein Corolla-Verbot. Mich wiederum in ihrem Auto mitzunehmen ist ebenfalls kritisch – bei einigen aus Versicherungsgründen, bei anderen, weil sie mich an sich für ein Sicherheitsrisiko halten.

Vor einem Dinner sollte man klären, ob das erwählte Restaurant für alle Geladenen freigegeben ist, denn die unterschiedlichen Nationalitäten und Institutionen sind sich nicht einig, was ihre Einschätzung der Gefährdungslage betrifft. Selbst wenn der Ort theoretisch allen offen steht, machen dann manchmal verschiedene Stufen von Ausgangssperre der Zusammenkunft einen Strich durch die Rechnung.

Einige Freunde dürfen nur in Begleitung eines Bewaffneten ausgehen, der dann immer etwas verloren in einer Ecke sitzt. Manche Organisationen fühlen sich unverwundbar, sobald sie ein gepanzertes Auto zur Verfügung haben. Eine halbe Stunde an einem belebten Platz herumstehen und warten? Kein Problem. Freunde, die andernorts erlebt haben, wie schnell man aus einem gepanzerten Fahrzeug aussteigt, wenn Leute ein Feuer darunter entzünden, graust es dabei. „Fahrrad fahren“ oder „laufen“ wiederum sind Begriffe, die Sicherheitsbeauftragen die Haare zu Berge stehen und alle anderen sehnsüchtig dreinblicken lassen.

Manch ominöse Regel lässt die Betreffenden daher auch mehr Angst vor den eigenen Sicherheitsleuten als vor Übeltätern haben. Neulich habe ich dem Drängen eines Freundes nachgegeben: „Wir müssen mit dem Auto fahren, auch bei kurzen Strecken. Wenn die mich hier lang laufen sähen, gäbe das ganz schön Ärger. Komm, ich setz dich ab,“ hatte er insistiert. Statt unscheinbaren fünf Minuten zu Fuß haben wir eine dreiviertel Stunde höchst exponiert im Verkehr festgesteckt. Manch gut gemeinte Vorgabe bewirkt also genau das Gegenteil von dem, wozu sie eigentlich gedacht ist. Eine Freundin erzählt von Algerien: „Da hatten wir die ‚7-Sekunden-Regel‘: Weil Heckenschützen angeblich durchschnittlich acht Sekunden brauchen, durften wir immer genau sieben Sekunden unter freiem Himmel sein, egal, ob wir jetzt auf dem abgeschirmten Botschaftsgelände oder wo anders waren.“ Wir können uns lebhaft vorstellen wie einige Übereifrige auf der Lauer lagen, um penibel die Einhaltung dieser Regel zu überwachen.

„Tja, manchmal könnte man schon paranoid werden, wenn man sich vorstellt, wo die überall ihre Augen haben,“ wirft ein Freund ein. Humboldt lacht verwegen und deutet augenzwinkernd in den Nachthimmel: „Dachtet ihr etwa, das sei der Mond?“ – „Nein,“ sagt C, „das ist der Sicherheitsbeauftragte mit seinem Campingklo.“

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3 Antworten to “Auf der Lauer”

  1. Fährfrau Says:

    *lol* Das muss dann wohl einE Sicherheitsbeauftragte sein: Die La(uer)-Trine.

  2. Heiner Toennamiae Says:

    dem kann ich nur beipflichten. Manche von diesen „Vorschriften“ sind schon abstrus…… Und dienen nur der Beschäftigung der Sicherheitsfirmen…

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