Das Sommerzimmer

Der Geiz und die Unverschämtheit unseres Vermieters sind Legende. Obwohl wir völlig vernarrt in die alten Maulbeer- und Granatapfelbäume auf unserem Grundstück sind, werden wir drei Kreuze machen, wenn wir nie wieder mit Oberst A. zu tun haben. Ich erinnere mich an sein Haifischlächeln am Tag nach der Vertragsunterzeichnung. „Wisst ihr, ich bin unglücklich,“ hatte er gesagt, kaum dass er die Miete kassiert hatte. „Ich bekomme viel zu wenig Geld.“ Wir waren auch unglücklich, zum Beispiel darüber, dass die angeblich ganz neue Abwasserleitung in der Küche fehlte und stattdessen ein rostiger Eimer unter der Spüle stand. Oberst A. nörgelte. Oberst A. meckerte. Oberst A. drohte, und es erforderte erhebliche Mühen, eine vernünftige Einigung zu erzielen.

Nun ist Oberst A. zurück; diesmal träumt er, und zwar von einer gewaltigen Mieterhöhung, bei der wir zusätzlich das Dach erneuern müssen und die Nachbarn die Mauer zu unserem Grundstück einreißen dürfen. Letztere hegen daran ein Interesse, weil sie zu nah an die Grenze gebaut haben, als dass sie die Fenster in ihrem Haus noch einsetzen könnten, wobei man sich fragen kann, warum man wenige Zentimeter von einer Mauer entfernt überhaupt Fenster haben muss.

Mein bester Freund ist daher dieser Tage der Makler. „Du bist aus Deutschland zurück? Und wo sind meine Geschenke?“ begrüßt er mich. Ein anderer „Freund“ bringe ihm aus Italien immer Parfüm mit. „Flurry oder Fliry oder so, ich bringe dir mal eine leere Flasche davon mit.“  – „Das ist wirklich sehr großzügig,“ sage ich. Mr. E. übersetzt auf Dari: „Sie meint, eine leere Flasche sei kein gutes Geschenk.“ – „Nein, nein,“ prustet er, „ich meine ja nur, dass sie sieht, welches das ist.“

Vor einem Tor stecken wir plötzlich inmitten einer lautstarken Auseinandersetzung. „ICH   BIN   DER  EIGENTÜMER! Lasst mich gefälligst rein!“ wettert einer. „DA DRIN SITZT DIE WAHLBESCHWERDEKOMMISSION UND WIR LASSEN NIEMANDEN REIN,“ brüllt einer der Polizist zurück. In dem Chaos streckt ein schüchterner Mitarbeiter den Kopf durch die Tür und winkt uns herein. Das Haus wirkt, als hätte man es in Längsstreifen von der Breite eines Schranks gebaut. Die Mitarbeiter bewegen sich wie Krebse seitwärts, um aneinander vorbeizukommen. Unser Bett wäre allenfalls hochkant unterzubringen.

Wenig später besuchen wir ein verwunschenes altes Haus, dessen Portal von den Wurzeln eines knorrigen Baums in Wellen gelegt worden ist. Von außen sieht das Gartenhäuschen gepflegt aus, und eines der Zimmer ist es auch. In dem anderen sprießen zarte Pflänzchen unter freiem Himmel. Das Dach fehlt.„Ein Sommerzimmer,“ wirbt der Makler. Mit ausladender Geste deutet er auf einen riesigen weißen Hahn, der zwischen den verwilderten Rosen herumirrt. „Das Huhn ist im Preis inbegriffen, jeden Tag ein Ei!“

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2 Antworten to “Das Sommerzimmer”

  1. Karl Says:

    Erinnerst du dich noch an das afghanische Sprichwort, von dem du mir vor ein paar Wochen erzählt hast? Es scheint, als hättest du damit recht behalten. Wenn es mit diesem schönen, verwunschenen, alten Haus klappt, würde ich mich sehr freuen, wenn ich dort mit einziehen darf.

    Liebe Grüße von einem treuen Leser deines amüsanten Blocks

  2. RevolutionaryGirl Says:

    Oh nein, zieht ihr aus eurem wunderschönen Haus aus? 😦

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