Shampoo ins Labor

Die magische Zahl in Afghanistan lautet dieser Tage 500. 500 Afghani pro Tag sollen Personen oder Institutionen entrichten, wenn sie mit Anmeldung, Berichten oder Steuerzahlungen im Verzug sind. Das sind immerhin ungefähr 8 Euro.

„Es gibt ein neues Einkommenssteuer-Formular,“ erzählt eine Anwältin. „Das haben wir Monate, nachdem es in Kraft getreten war, zu Gesicht bekommen. Dennoch sollen wir jetzt diese Strafe zahlen, weil wir es damals nicht benutzt haben.“ Das beste an der Gebühr ist, dass man darüber nichts schriftliches bekommt – keinen Hinweis auf einen Gesetzestext, keinen Brief mit Forderungen -, und außerdem ist das Aufhäufen von Gebühren nicht mehr zu stoppen, wenn es einmal begonnen hat. Der Drang, Fälle zügig zu bearbeiten, ist denkbar gering, wenn Liegenlassen lukrativer ist.

Außerdem ist es natürlich ein erheblicher Anreiz zur Korruption für all diejenigen, die den Ruin fürchten und versuchen, das Verfahren durch Bestechung abzukürzen, denn es sind beileibe nicht nur ausländische Organisationen betroffen. Mr. M., Gründer einer Schule für Straßenkinder, erhielt die Genehmigung Monate, nachdem ein neues Gesetz zur Berichtspflicht über Schulen in Kraft trat. Nun wird er zur Kasse gebeten für die Zeit vor der Registrierung, denn, so die erratische Argumentation: auch wenn es die Schule da noch nicht gab, gab es doch das Gesetz. Auch für Mr. M. gilt, was die Anwältin so treffend formuliert: „Ich habe keinen Posten ‚Fantasiegebühren‘ in meinem Budget.“

Obwohl ausländische Gelder ungefähr 90% des Staatshaushaltes bestreiten, entsteht der Eindruck, dass die Regierung momentan versucht, ausländische Organisationen zu vergraulen. Eine Freundin von Madame C. bekam neulich bei ihrer Visumsverlängerung zu hören, das sei das letzte Mal, denn es reiche mit ausländische Frauen im Land. Ausländische Berater sollen beweisen, dass es keine Afghanen gibt, die ihren Job ausüben könnten. Visa, sonst immer im Handumdrehen erteilt, bleiben lange liegen: Der Drucker sei kaputt, heißt es, oder das gesamte Visasystem sei kollabiert.

Jemand anderes wartet seit Wochen darauf, dass die drei aus Deutschland geschickten Umzugskisten aus dem Zoll freigegeben werden, denn gleich mehrere Ministerien sollen einbezogen werden: „Mein Shampoo muss erst noch einem Labortest unterzogen werden. Meine Aspirin werden dem Gesundheitsministerium zur Überprüfung geschickt, und meine Bücher müssen vom Kultusministerium in Augenschein genommen werden.“ Da sie im Sommer kam, es nachts jedoch schon frostig wird, erlaubte man ihr immerhin, sich aus den Kisten einen Mantel und ein paar wärmere Schuhe zu nehmen.

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