Eigenlob

Freitagabend, also in etwa so wie in Deutschland Samstag abend, klingelt das Telefon. Ein Herr, den ich einmal flüchtig gesehen habe, möchte ein Empfehlungsschreiben von mir haben. „Bis wann brauchst du es?“ frage ich. „Morgen!“ Da er bereits seit 10 Tagen die Aufforderung zur Bewerbung hatte, zeige ich mich ungehalten. Als ich im Büro davon erzähle, verdreht die Grazie die Augen: „Er hat mich Freitag abend fünf Mal angerufen, damit ich dich dränge nachts noch mal ins Büro zu gehen.  Samstag bin ich schon gar nicht mehr rangegangen.“

Ein anderer Kandidat, Herr Hamadi, fordert das Empfehlungsschreiben, das ich ihm schreiben soll, von vornherein bei Mr. M. an, der mir seine Email weiterleitet. Darin schreibt der Bewerber dafür: „Ich habe bereits etwas formuliert, sag ihr, sie muss nur noch unterschreiben.“ Anders als dieser Ton vermuten lässt, beschreibt sich Hamadi als „wahrer Gentleman, der es versteht, zuzuhören und seinem Gegenüber wirklich das Gefühl zu geben, dass er ihn/sie ernstnimmt.“ Außerdem lerne ich, dass er „äußerlich“ höflich und diplomatisch ist, und es sich bei ihm geradezu um einen James Bond handelt:

„Seine Augen haben alles im Blick, ihm entgeht kein Detail, und er hat ein Rückgrat aus Stahl. Er hat eine entspannte Art und einen feinen Sinn für Humor, der ihm hilft, echtes Vertrauen in Leuten zu wecken, aber über diese guten Manieren und sein warmes Herz hinaus ist ein Gehirn am Werke, dem nichts entgeht, und wer es auch ist – er hat die Fähigkeit, ihn zurück auf den rechten Pfad zu bringen.“

In diesem Ton geht es noch einige Absätze weiter, ohne dass ich erfahre, warum ich Herrn Hamadi so brillant finde und wie ich all diese Qualitäten entdeckt haben soll und kommt zu einem gelungenen Ende: „Ich betrachte es als Privileg, Herrn Hamadi empfehlen zu dürfen.“

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3 Antworten to “Eigenlob”

  1. b.-blocker Says:

    Ist auf jeden Fall besser, als sich selbst mit „war stets bemüht“ anzupreisen 🙂

  2. andromeda8 Says:

    Ach, wenn man doch nur von allen sagen könnte, dass sie stets bemüht sind …

  3. Fährfrau Says:

    Bescheinige ihm doch einfach ganz freundlich und überzeugt seine blühende Phantasie!

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