Kabuler Weihnachtsgeschenke

Weihnachtsgeschenke finde ich eine schwierige Angelegenheit in Afghanistan. Im ersten Jahr versorgt man alle mit dem, was hier anstelle von Jacken getragen wird und in Deutschland eine hervorragende Fernsehdecke abgibt. Vielleicht noch ein paar Wollhüte und Schals, Schmuck oder Getöpfertes, aber im dritten Jahr hier sind damit alle bestens versorgt. Zum Glück habe ich ein Team, das die Warenwelt  unablässig beobachtet. Sie bewahren mich davor, dass ich Hals- bzw. Kopftücher kaufe, die die Mode des letzten Jahres waren und haben ein Auge auf die Preise.

Als ich neulich ein für meinen Geschmack sehr edles, antikes Geschenk erwarb, waren alle etwas unsicher, wie sie es mir beibringen sollten. „Du meinst, du hast dafür etwas bezahlt?“ fragte die Grazie. „Ehrlich gesagt, die meisten, wenn sie es auf der Straße finden würden, würde es höchstens zum Heizen verbrennen,“ sagte Mr. A. Mein anderer Kollege, Mr. M., klopfte dagegen und sagte, dass das aus Afghanistan sei … naja, vielleicht aus gewissen sunnitischen Gegenden oder Nachbarstaaten, denn die Motive … das zivilisierte Afghanen diese dekorativ finden würden, bezweifle er stark.

Mr. A.  und die Grazie kommen geheimnistuerisch ins Büro: „Bei dem großen Supermarkt gibt es was ganz tolles neues!“ Sie wühlen in knisternden Tüten, dann ein Ruf der Enttäuschung: „Bei meinem fehlt der Deckel!“ Neugierig schaue ich, wie Mr. A. seinen Erwerb vor uns aufbaut. Es handelt sich um einen dunkel-silbernen Kelch mit gelben Glassteinen. Die Grazie deutet auf ihren goldenen mit blauen Steinen: „Ich muss zurück, so kann man ihn ja gar nicht richtig benutzen.“ – „Aber was ist es denn überhaupt?“ frage ich. Die beiden strahlen: „Elektrische Weihrauchverbrenner!“ Ich hatte Weihrauch immer für etwas äußerst christliches gehalten. „Ach,“ wiegelt Mr. A. ab, „wir tun Spand (?) rein.“ Das sind Samen, die man hier in der Tat ähnlich wie Weihrauch einsetzt. An den Straßenkreuzungen stehen oft Kinder, die sich statt Betteln damit durchschlagen, dass sie es in Konservenbüchsen verbrennen und einem den Rauch ins Auto wedeln, damit es „desinfiziert“ wird. Wenn man es nicht gewöhnt ist, stinkt es scheußlich, aber was tut man nicht alles zur spirituellen Reinigung.

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