Sleeveless in Kabul

Wir trauen unseren Augen kaum, als wir mitten in der Stadt eine junge Frau sehen, die eindeutig wie eine Prostituierte wirkt. Auf goldenen Highheels trippelt sie am Straßenrand entlang und trägt unter ihrem gelben Kleid nur den Hauch einer Hose. Ihre Augen sind filmreif geschminkt, und unter dem knappen Kopftuch fallen die Haare offen über ihren Rücken. „Shah M.,“ ruft die Grazie, „dreh eine Runde, das muss ich mir genauer anschauen.“ Der Fahrer blickt in den Rückspiegel: „Bis wir wieder da sind, ist sie sowieso zu jemandem ins Auto gestiegen,“  gibt er zu bedenken. „Hast du so was schon mal hier gesehen?“ frage ich. Er schüttelt den Kopf: „So wie die geschminkt ist, so läuft in Pakistan das dritte Geschlecht herum!“ Seit letztem Jahr können sich Transvestiten in Pakistan offiziell als „drittes Geschlecht“ registrieren lassen. In Peshawar habe der Fahrer sie häufig gesehen – all diese Farbe im Gesicht und diese Kleidung, das sei da ganz normal. Aber hier, da sei er sich sicher, handele es sich eindeutig um eine Frau. „Das ist schon was, dass sie sich das in Kabul erlauben kann, so rumzulaufen. In meinem Dorf gab es eine Frau, die hat ihr Kopftuch nur so wie ihr getragen,“ sagt er und deutet auf die Grazie und mich, die es eher halbherzig im Nacken haben. „Eine Woche später ist sie verschwunden und später hat man sie und ihr Kind ermordet aufgefunden.“

Wenig später warten wir im gleichen Stadtteil auf einen Kollegen, als wir das Klappern hoher Absätze hören. Als die junge Frau am Auto vorüberstöckelt, lässt sie wie zufällig ihr Tuch von der Schulter gleiten und entblößt einen nackten Arm. Sie dreht sich  um, und schaut unter langen, getuschten Wimpern den Fahrer an, während sie sich mit einem Schwung ihres bestickten Glitzerrocks weiterbewegt. „Noch eine?“ ruft die Grazie. „Die gleiche ist es nicht, die hier hat dunkle Haare.“ Sie zählt mir alle möglichen Merkmale auf, anhand derer sie weniger zurechtgemachte Prostituierte erkennt – die Art, wie sie Autos anhalten, wie sie herumlaufen, wie sie  abgerissen aussehen und doch teure Telefone haben. „Aber eine so Hübsche habe ich noch nie gesehen – und so offensichtlich!“ An der nächsten Straßenecke trifft die Besagte einen jungen Mann und steigt mit ihm in ein Taxi.

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2 Antworten to “Sleeveless in Kabul”

  1. poweruser12 Says:

    unglaublich, kaum vorstellbar, nach meinen Kabul-Erfahrungen.

  2. RevolutionaryGirl Says:

    Oh mein Gott! Ich kann nicht glauben, dass es schon so weit gekommen ist…tobah…tobah…

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