Pferdefuß auf Reisen

Angesichts der Verhältnisse in Afghanistan könnte man meinen, reisende Afghanen seien leicht zufriedenzustellen. Doch weit gefehlt: Egal wie gut, sauber oder gar luxuriös, meist gibt es etwas auszusetzen. Dann jedoch immer erst im Nachhinein. „Die Handtücher in meinem Hotelzimmer hatten eklige Flecken,“ klagte neulich eine Freundin. „Aber warum hast du nicht die Rezeption angerufen, damit sie dir neue bringen?“ – „Die wären dann vielleicht auch nicht sauberer gewesen.“ Ich hatte eigens gefragt, ob wir in dem Hotel bleiben oder uns etwas anderes suchen sollte, wobei ich mir bereits etwas pingelig vorkam. Die anderen wollten dort bleiben und führten lieber am nächsten Tag Klage.

Ein anders gelagertes wiewohl verwandtes Phänomen ist der deutsche Hang, Konferenzen als „Erlebnis“ zu gestalten und sich dabei über Interessen der Teilnehmer hinwegzusetzen. Bei Deutschen beliebt und ausländischen Teilnehmern verhasst ist, sich in irgendeine Abgeschiedenheit zu begeben und hier hinter verschlossenen Türen in ländlicher Idylle zu tagen. „Wenn ich meiner Familie sage, ich fahre nach Deutschland, erwartet jeder, dass ich ihm etwas von dort mitbringe,“ hatte ein Freund mal gesagt, „aber wenn ich in Brandenburg auf dem Land hocke und mein Visum zeitlich an diese Konferenz gebunden ist, was soll ich denn mitbringen? Kuhfladen?“

Die Grazie macht drei Kreuze, die Workshop-Einladung einer Freundin nach Indien abgelehnt zu haben. „Ich habe gestern mit ihr telefoniert. Sie sitzen auf dem nackten Boden, sie haben keinen Strom, heißes Wasser müssen sie mit Feuerholz bereiten … die deutschen Veranstalter sagen, sie wollten die afghanischen Frauen mal erleben lassen, wie schwer es Frauen in manchen Ländern haben.“

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3 Antworten to “Pferdefuß auf Reisen”

  1. Fährfrau Says:

    Autsch, die Veranstalter würde ich aber gern schütteln, bis sich vielleicht doch noch ein paar Gehirnzellen bilden.

  2. RevolutionaryGirl Says:

    Wenn man glaubt, dass es afghanischen Frauen besser geht als indischen, dann gibt es noch nicht mal Hoffnung für ein paar Gehirnzellen.

    • andromeda8 Says:

      Ich denke, dafür müsste man die Veranstalter mal selbst in ein afghanisches „Erlebniscamp“ einladen, sie dürften bestimmt nicht mal dorthin kommen.

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