Eskortierte Entführungen

Außerhalb Afghanistans werde ich oft gefragt, wie man dort auf bestimmte Ereignisse blickt, zum Beispiel den Tod bin Ladens. „Es war davor klar, dass irgendetwas im Busche ist. Mitarbeiter haben mich spät nachts angerufen, weil der Vizepräsident wiederum ihre Angehörigen informiert hat, dass es besser wäre, die nächsten Tage zu Hause zu bleiben,“ sage ich. Das war in der Tat ein einmaliger Zwischenfall, besonders dramatisch in seiner Wirkung auch, weil eben jener welke, verhasste Vizepräsident für diesen Tag zu seiner großen Leidenschaft, dem Buskashi geladen hatte. Buskashi ist ein afghanischer Nationalsport, bei dem Reiter um den Balg einer Ziege ringen.

Zuerst hieß es, die angespannte Stimmung hinge mit der angekündigten Frühjahrsoffensive der Taliban zusammen. Als dann die Ankündigung selbst uns erreichte, mussten wir allerdings trotz aller Sorge schmunzeln. Die üblichen wilden Drohungen scheinen diesmal so formuliert, als hätten die Autoren an einem Schreibtraining für Projektanträge teilgenommen, nur der Finanzplan fehlt. In der Sparte „Zielgruppe“ nehmen Spione eine prominente Rolle ein: Spione im allgemeinen, andere Spione und amerikanische Spionageringe sollen ins Visier genommen werden. Insofern waren wir erstaunt darüber, dass diesmal alle es so ernst zu nehmen schienen.

Die Reaktionen in Kabul waren verhalten. „Endlich ein Schlusspunkt. Aber der alte Mann hatte ja schon lange nichts mehr zu melden, und was ist mit all den anderen, die tatsächlich die Fäden ziehen?“ fragt eine Kollegin. Auch der Fahrer schüttelt den Kopf. „Dass das etwas bringt, wenn es so viele Mächtige andere gibt, kann ich mir nicht vorstellen.“ Dass es Ärger bringt, können sich jedoch viele vorstellen. Daher saßen Internationale wie Nationale abwartend hinter hohen Mauern, leider inklusive meines Passes. „Ich versuche seit fünf Tagen, hineinzukommen,“ sagte derjenige, der mir freundlicherweise bei der Visa-Beschaffung hilft. „Es ist aussichtslos, obwohl sie mich gut kennen und wir uns schon offiziell beschwert haben, lassen sie mich aus Sicherheitsgründen einfach nicht rein.“

Im Süden und im Osten des Landes hat die Nachricht Zorn und Trauer ausgelöst. „Eigentlich war ich zu einem Volleyball- und Cricketspiel in Jalalabad eingeladen, aber das ist alles abgeblasen worden,“ erzählt ein Freund, „sie haben gesagt, das sei ein Tag der Trauer und eine große Ungerechtigkeit, dass ihr ‚Bruder‘ von den Amerikanern ermordet worden ist.“ Auch sonst sei der Besuch dort nicht mehr angenehm. „Bei all unseren Fahrten haben wir immer in einem bestimmten Restaurant gesessen. Diesmal sind gleich drei Leute gekommen, um uns zu warnen. Das ist ja die Straße nach Kunar. Bei Entführungen läuft es wohl so, dass das Entführerauto mit Polizeieskorte kommt, die stecken da mit drin.“

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