Auf dem Pulverfass

„Wie lief das Interview?“ frage ich meinen Mitarbeiter Tomski. Ausgerechnet an dem Tag, an dem er mit dem Militär sprechen wollte, hat ein Selbstmordanschlag stattgefunden. Gerade Institutionen, die sich stark um ihre eigene Sicherheit sorgen, sehen an solchen Tagen Besucher eher als Risiko denn als ebenfalls schützenswert, was Termine erschwert. Tomski grinst: „Als ich ankam, saßen die drei Generäle am Tisch, spielten Schach und hatten noch gar nichts davon gehört, die haben dann erstmal ihre Assistenten losgescheucht.“

Wegen der andauernden Feuergefechte in Folge des Anschlags forderten zivile Organisationen ihre Mitarbeiter auf, sich nicht auf die Straße zu begeben sondern an einem sicheren Ort auszuharren. „Ich wollte in der abgesperrten Straße vor der Botschaft warten, bei deren Eingang, aber das durfte ich nicht,“ erzählt Tomski. Der Bundespolizist schickte ihn zur Hauptstraßen, und so wartete er eine halbe Stunde an einem der exponiertesten Orte Kabuls. Selbst den afghanischen Sicherheitskräfte wurde dabei mulmig, und sie widerum versuchten, ihn zurück zur Botschaft zu lotsen.

Mir erwies an jenem Tag eine befreundete Organisation den Bärendienst mich mizunehmen. Leider hatte der Zuständige Auftrag gegeben, statt direkt nach Hause zu fahren, noch jemand anderen aufzulesen „zwecks optimaler Auslastung des Fuhrparks“. So verbrachten Dr. Kolben und ich eine Viertelstunde Meter vom Ort des Anschlags entfernt mit Warten, während um uns herum eine vor Nervosität aggressive Polizei mit ihren Kalashnikovs auf vorüberfahrende Autos eindrosch.

Für Tomski war das noch nicht der Höhepunkt des Tages: „Abends waren mein Studienkollege und ich mit anderen deutschen Freunden in einer Bar. Als wir aufbrachen, hieß es, ich dürfe mit, weil ich zur ‚richtigen‘ Organisation gehörte, aber er müsse sehen, wo er bleibt – dabei mussten wir alle in die gleiche Richtung!“ Es ist mir schleierhaft, wieso man irgendjemanden alleine in die Kabuler Nacht schickt, und ich bin entsetzt über den Mangel an Souveränität der Betreffenden. „Wo und wie wohnst du eigentlich?“ frage ich eine Bekannte in diesem Zusammenhang. „Ach, ich muss noch Auflagen von unseren Sicherheitsleuten erfüllen, damit ich offiziell einziehen darf, 100 Liter Treibstoff im Keller einlagern und so.“

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