Die tödliche Aura der Deadline

Das Gesundheitssystem Afghanistans ist weiterhin in einem beklagenswerten Zustand. Illegal importierte Medikamente aus den Nachbarländern sind im besten Fall wirkungslos und im schlimmsten gesundheitsschädigend. Auch ist nicht jeder Arzt so professionell, wie er vorgibt. Eine befreundete Ärztin zögert, als ich sie frage, wohin ich einen Freund mit einer Augenverletzung bringen sollte. „Ich traue hier keinem. Viele wollen einfach nur gut verdienen, aber die Patienten sind ihnen egal. So einen will ich nicht empfehlen.“

Der unsichtbare Patient

Ein anderer Arzt begann sich nach einer Weile zu wundern, als aus einer Klinik andere Patienten zu ihm kamen, um eine zweite Meinung einzuholen. Auf den Ultraschallbildern,
die sie dabei hatten, war immer der gleiche Gallenstein an immer der gleichen Stelle zu sehen, für den die Ärzte jeweils eine kostspielige Behandlung empfohlen hatten.

„Das beste aber war, als es hieß, Pakistan habe einen Handy-Virus nach Afghanistan geschickt!“ trumpft eine Freundin auf. „Wenn das Telefon klingelte und man abnahm, wurden
automatisch einige Nummern angesagt, und damit war man mit einem schlimmen Virus infiziert. Den Betroffenen soll sofort Blut aus den Ohren gelaufen sein.“ Ich kann mir gut vorstellen, dass das in diesem verschwörungsfreudigen Umfeld geglaubt wurde, und versuche, die Leute in Schutz zu nehmen. Meine Freundin schüttelt den Kopf: „Die Leute, das ist ja das eine, aber es kommt viel besser: Damals hat uns das afghanische Gesundheitsministerium angerufen und aufgeregt gefragt: ‚Habt ihr schon eine Heilmöglichkeit gefunden?‘“

Angesichts dieser Verhältnisse sterben in Afghanistan viele Menschen an heilbaren
Krankheiten. Auch aufgrund anderer Gefahren sollte man in diesem Land eigentlich nicht über den Tod spotten. In unserem Büro habe ich aber manchmal den Eindruck, dass die Endphase von Projekten einen negativen Einfluss auf die Gesundheit der Verwandschaft unserer Partner ausübt. Während wir die berühmte „Deadline“ eher im übertragenen Sinne sehen, nimmt sie hier konkrete Formen an. Wenn der Zeitrahmen ohnehin schon überzogen ist, steigt die Todesrate unter weitläufigeren Familienangehörigen exponentiell. So ist Projektpartner Zia in den vergangenen Monaten kaum erreichbar gewesen, weil er unter den vorher quietschfidelen Verwandte im Süden des Landes einen nach dem anderen zu Grabe getragen hat. Auch einen weiteren Partner hat die Projektverlängerung schon fünf Onkel gekostet.

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